Ausblicke auf den Geruch des Todes…
Zusammen sitzen sie in ihren Aufenthaltsräumen, genießen mehr oder weniger angeödet ihre Mahlzeiten und beobachten mit scharfen Blicken, was um sie her geschieht. Alles erfassen, alles hören und beobachten; alleine durch diese Maßnahmen versucht jeder der Einwohner des Altenheims „Les Bégonias“, sofern er es noch kann, die eigene Autonomie zu bewahren.
Genau genommen jedoch ist diese Residenz ihre Endstation. Hier versammeln sich alle jene, die ihren Alltag nicht mehr bewältigen können: gelähmt, blind oder dement sehen sie die Tage verstreichen und warten. Warten worauf?
In ihrem Leben ereignet sich nur noch der enge Tagesablauf, der mit dem Verstreichen der Zeit verbunden ist. Stunde um Stunde zerrinnt, und ein jeder sucht seine eigene Bestimmung. Essen, schlafen, wachen und den Tag überstehen: mehr scheint es nicht zu geben im Kosmos dieser auf dem Abstellgleis gelandeten Mitbürger. Einzelne ragen heraus aus der Menge. Sie sind mit ihren Eitelkeiten, ihren Erinnerungen und dem amüsierten Hinschauen auf andere beschäftigt. Nicht zuletzt erscheinen gelegentlich die Angehörigen: notgedrungen und wenig motiviert quälen sie sich bei ihren Besuchen durch den Tag. Auch sie warten, – und sind enttäuscht, wenn der Tod nicht das erwartete Erbe bringt.
Akribisch zeichnet Camille de Peretti diesen einen Tag im Altenheim auf. Wenn die Beschreibung der skurrilen Alten mit ihren Eigenarten auch durch den Tag führt, so bleibt doch der Eindruck eines erschütternden Dokumentes einer verlorenen Gesellschaft haften. Niemand kann wahre Liebe für diese Alten empfinden. Eher stören sie den Alltag der Angehörigen, die ihren Tag lieber nicht im Angesicht von irdischem Vergehen, des Geruchs des Todes und dem öden Kleinkrieg eines Alltags verbringen, in dem es kleine missgünstige Töne und argwöhnische Beobachtungen bis hin zu amüsierten Einfällen gibt.
Camille de Peretti zeichnet ein zwar humorvolles und doch realistisches Bild vom Altenheim. Niemand schaut gerne hin, wo jeder von uns womöglich einmal endet. Nicht die schönsten Reden können darüber hinwegtäuschen, dass dieses Warten auf das Ende mit Grauen erfüllt ist. Die Autorin legt den Finger auf die Wunde und zeigt die ganze Nutzlosigkeit und hilflose Gegenwart, die uns erwartet, wenn unser Leben sich dem Ende zuneigt. Das kann man nur mit dem notwendigen makaberen und humorvollen Blick ertragen!
Vermutlich wird jeder Leser/ Leserin das Buch aus dem Blickwinkel des eigenen Lebens betrachten und beurteilen. So mag der eine mehr Distanz und der andere mehr Furcht vor dem eigenen Altwerden empfinden. Allemal bietet dieses Buch eine recht realistische Perspektive. Es ist dank der leichten und poetischen Sprache durchaus lesenswert.
