Die Beschissenheit der Dinge

von

literarische Biographie

Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten

224 Seiten (Taschenbuch)
Luchterhand Literaturverlag

Erscheinungsdatum: 20.09.2007

ISBN: 9783630621203

Rezension von

Verfasst am: 12.03.2008

Bewertung:

  • 4/5 Sterne.

Dimitri Verhulst Die Beschissenheit der Dinge
Sammlung Luchterhand ISBN 3630621201

„Ich war dreizehn und wohnte zusammen mit meinem Vater, meinen Onkeln und ihrer alten Mutter in Reetveerdegem, einem Dorf, das von den großen Karten ignoriert wurde, einem unmöglichen Kaff, in dem Taubensport und Nieselregen noch die größten Attraktionen bildeten.“

Mit diesen Worten beginnt Dimitri Verhulst seinen autobiographischen Roman über eine Herkunft, die im niedrigsten sozialen Milieu spielt.

Man lebt im Dreck und in verrotteten Möbeln. Die Wände sind nicht dicht, so dass eine feuchte, muffige Kälte überall zu spüren ist. Alles starrt vor Schmutz, und das Umgangsvokabular entstammt der untersten Gossensprache. Ziellos, hoffnungslos und im Treibsand des Lebens verrinnend vegetieren diese armen Outlaws trostlos dahin. Um alles Elend dieser Welt zu ertragen, wird getrunken und gesungen. Als später ein Volkskundler sich für die Sauflieder der Armen interessiert, da dämmert es auch dem Dümmsten, dass die wissenschaftliche Elite sich keineswegs für die Amen wirklich interessiert, sondern dass sie sich überlegen fühlt, und den Menschen der Unterschicht zum Studienobjekt degradiert.

Dimtris Mutter hat die Familie eines Tages verlassen und kümmert sich nie mehr um ihren Sohn.
In einer Abschiedsszene von der verschrumpelten und in geistiger Verwirrung in einem Heim lebenden Großmutter erkennt der Autor, dass mit Geburt und Tod die Stafette, deren Sinn niemand kennt, immer weitergereicht wird in der verrückten “Beschissenheit der Dinge”.

Die Milieustudie ist von krasser Aussagekraft und stößt mit ihrer harten Realitätsdarstellung den Leser innerlich zunächst ab. Die humorvolle Betrachtungsweise, die sarkastisch -ironischen Selbsteinsichten sind jedoch so eindrucksvoll, dass man zuletzt voller Bewunderung vom Leben eines Mannes liest, der sich aus dem Elend mit Klugheit und starkem Willen herausgearbeitet hat. Sein Buch bietet Einblicke in eine Gesellschaft, die am Rande lebt und in der es wild, ungezügelt, chaotisch und ohne jeden Halt zugeht. Und dennoch: auch hier gibt es einen Gesellschaftskodex,
und man fühlt sich dazu gehörig, wenn man in dieses abseitige Gesellschaftsmilieu hineingeboren wurde.

Dass Dimitri Verhulst mit klugen Augen und kritischen Blick lernte, hinter die Fassade zu schauen, ist für den sozial interessierten Leser von hohem Anschauungswert. Der Autor kennt den Stil der Gosse und gibt dem Leser Kostproben davon, wie es sich im Abseits lebt.

Wenngleich von pessimistischer Weltsicht geprägt, hat Verhulst weit reichende Einsichten, die fast philosophische Dimensionen erreichen.

Dimitri Verhulst hat für seinen Roman den niederländischen Publikumspreis die Goldene Eule erhalten.

Besprechung von Claudine Borries

Migliedermeinung

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