Blaue Stunden

von

autobiografische Erzählung

Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel

208 Seiten (gebunden)
Ullstein

Erscheinungsdatum: 29.02.2012

ISBN: 9783550088865

Rezension von

Verfasst am: 01.03.2012

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Alter, Sterben und Vergänglichkeit: eine kontemplative Abhandlung.

Wenn man glaubt, Joan Didion könnte ihre Erinnerungen an ihren Mann und dessen Tod in dem Buch “Das Jahr magischen Denkens” nicht übertreffen, der irrt gründlich.
In dem vorliegenden Band mit Lebenserinnerungen an ihre verstorbene Tochter meint man erneut, einer durchsichtigen Seele zu begegnen.

Die “blauen Stunden”, mit deren Beschreibung Joan Didion ihre Aufzeichnungen einleitet, gibt es nur in bestimmten Regionen der Welt. In ihnen entfernt sich der Tag und geht langsam in die Nacht über, und letzte Sommertage kündigen den Herbst an. Synonym könnte man das Leben empfinden: ein unaufhörlicher Gang dem Tod entgegen. Mit zarten Worten, innigen Beschreibungen und zu Tränen rührender Diktion erinnert sich Joan Didion an ihre Tochter Quintana. “Lässt für die Sterblichen größeres Leid sich denken als sterben zu sehen die Kinder?” Zitiert Didion Euripides. Alles, was diesem Satz folgt, macht deutlich, wie tief der Verlust und wie schmerzvoll die Trauer ist, wenn man sein einziges Kind verliert.

Quintana ist ein Adoptivkind und das große Glück und die Freude ihrer Eltern. Beide sind Schriftsteller und voll tiefer Zuneigung, Dankbarkeit und Bewunderung für dieses wunderbare Mädchen mit dem blonden Zopf und dem eigenwilligen Charakter. Zur Hochzeit von Quintana hielt John Dunne, der Adoptivvater, eine liebevolle Rede, in der er von diesem Glück und ihrer gemeinsamen Freude erzählt. Fast muss man von Schicksal sprechen, wenn man erfährt, dass Quintana kurz vor dem plötzlichen Herztod ihres Vaters im Jahr 2003 ins Koma gefallen war. Sie litt an einem septischen Schock als Folge einer Grippe. Nur anderthalb Jahre nach dem Vater stirbt auch Quintana.

Die kleine Familie lebte im Dunstkreis von Hollywoodgrößen, Künstlern, Intellektuellen und einem Leben im Luxus. Malibu und New York sind wechselnde Orte, an denen sie sesshaft waren.

Jetzt ist Joan Didion alt und befasst sich in ihren Gedanken mit dem eigenen Tod, an den sie in ihren glücklicheren Jugendjahren nie gedacht hat.
Es ist die Zeit des Nachdenkens über all’ das Vergangene, das gelebte Leben zu reflektieren und sich der Frage nach dem Altern mit allen seinen Beschwernissen zu stellen. “Altwerden ist keine Bagatelle” heißt die Überschrift zur Rezension in der Zeitschrift “Die Zeit”, und wahrlich: so ist es wohl!

Joan Didions Erinnerungen sind ein Komplex aus Gedankenfetzen, Fragen, Nachdenken über das Altwerden, Vergänglichkeit und Sterben. Ängstlichkeit, Verzweiflung und Kummer aber auch das beschwörende Wort “in Schwung bleiben” charakterisieren die Jahre nach dem Tod der geliebten Menschen. In ihrer hinreißend feinfühligen Sprache vermittelt uns die Autorin das Glück vergangener Jahre. Szenen aus dem gemeinsamen Leben mit ihrem Mann und der Tochter, Fragen nach Versäumnissen und immer wieder der Unfassbarkeit dem erlittenen Leid gegenüber werden von den anrührenden Assoziationen gespiegelt, mit denen J. D. ihre Gedanken niederschreibt.

In dieser Form ein Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen zu reflektieren ist eine Kunst, die neben der Autorin Joan Didion ihresgleichen sucht. Man sollte das Buch lesen, denn es ist unvergleichlich sensibel, tiefsinnig, aufbegehrend und klar geschrieben.

Migliedermeinung

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