Ab jetzt ist Ruhe

von

autobiographischer Roman

400 Seiten (gebunden)
S. Fischer Verlag

Erscheinungsdatum: 23.02.2012

ISBN: 9783100044204

Rezension von

Verfasst am: 05.03.2012

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Verwirrendes Familienleben im Dunstkreis einer einseitigen Ideologie.

In einem lockeren, leichten und teilweise selbstironischen Ton hat Marion Brasch einen einnehmenden Familienroman über ihre Familie verfasst.

Ihr Vater ist als jüdischer Junge mit einem Kindertransport vor den Nazis nach Großbritannien geschickt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte er ausgerechnet zurück nach Ostdeutschland. Aus dem gläubigen Katholiken mit jüdischen Wurzeln war ein überzeugter Kommunist geworden. Die Mutter stammte aus Wien, wo man zum jüdischen Großbürgertum gehörte. Die Familie hat in England den Weltkrieg überlebt. Über die Heirat mit dem Kommunisten war Marions Mutter, die elegante Erscheinung der „Oma London“, nicht gerade begeistert.

Marion Brasch war ein Nachzüglerkind. Die drei älteren Brüder sind früh schon wach und kritisch dem kommunistischen System gegenüber. Zwei von ihnen wurden bekannte Schriftsteller, einer Schauspieler. Der älteste verließ die DDR und brachte den Vater damit in ernste Schwierigkeiten.

Marion tummelt sich zwischen den von ihr bewunderten Brüdern und einem Vater, der zermürbt von den schwierigen politischen Balanceakten und dem frühen Tod von Marions Mutter einen cholerischen und autoritären Eindruck abgibt. Er hatte verschiedene hohe Ämter in der DDR inne, die ihm Privilegien brachten. Doch wirklich glücklich war er mit dem Sozialismus, wie er dort praktiziert wurde, wohl nicht.

Marion Brasch schreibt mit trockenen Humor über lakonische Einsichten und wurschtelt sich durchs Leben. Sie versucht weitgehend, es dem Vater recht zu machen und geht zunächst den Weg einer angepassten, sozialistischen Arbeiterin. Innerlich spürt man ihre kritischen Reflexionen über ein System, das auch ihr nicht geheuer erscheint. Weitgehend auf sich selbst gestellt ist sie mit sechzehn Jahren eine Halbwaise, die sich Freunde und Freundinnen sucht, mit denen sie altersgemäße Vergnügungen teilt. Eindrucksvoll ergeht sie sich in den Beschreibungen des sozialistischen Alltags und in Betrachtungen des chaotischen Familienlebens, in dem viel Streit und Zoff herrschte. Die Brüder waren begabte Künstler, die als starke Persönlichkeiten beschrieben werden. Über dem Leben aller aber lag die Dunstglocke eines vertrackten Systems, in dem Terror, Einseitigkeit und Bevormundung herrschte.

Mit Spannung folgt man den Jahren des Umbruchs in der ehemaligen DDR und bekommt Einblicke in das Leben dieser jungen Frau, die eigensinnig ihren Weg sucht. Gegen Ende der Erzählung hin werden ihre Worte knapper. Sie sind klar und ruhig. Der Satz, mit dem sich die Mutter am Abend von den Kindern verabschiedete, „ab jetzt ist Ruh“ klingt lange nach. Über ihn findet die Autorin versöhnliche Worte zu ihren Brüdern, die sie doch lebenslänglich als kleine Schwester behandelt hatten, die man eh’ nicht so ernst nahm.

Ein gelungenes, äußerst differenziert und feinfühlig beschriebenes Familienleben finden wir in dieser Geschichte, die in ihrem Gesamteindruck noch lange nachhallt.

Migliedermeinung

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