Die Köpfe der Hydra

von

autobiografische Erzählung

Aus dem Französischen von Brigitte Große

187 Seiten (gebunden)
Matthes & Seitz

Erscheinungsdatum: 01.03.2012

ISBN: 9783882215816

Rezension von

Verfasst am: 23.04.2012

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Untergang in Würde oder Altersbürde?

Die Hydra ist nach der griechischen Mythologie eine Wasserschlange mit mehreren Köpfen, die immer nachwachsen, wenn man einen davon abschlägt. Synonym für diese Schlange steht bei Cécile Wajsbrot hier die Familie.

Melancholisch bis wütend berichtet die Autorin über Teile ihrer Familie, denen sie sich ausgeliefert fühlt in der Umkehrung der Fürsorge, die Eltern üblicherweise für ihre Kinder tragen.

1954 geboren trägt Cécile Wajsbrot die Erinnerung ihrer jüdischen Vorfahren an Verfolgung, Pogrome und Lagerhaft in sich, ohne selber betroffen gewesen zu sein. Doch beschreibt sie klar und unumwunden, wie der Vater und die Tanten sich mit ihren Nachfahren im Altersschicksal heutiger Generationen verfangen. Erinnerungen an Vergangenes gehen in der Vergesslichkeit des Alters unter, und die Autorin lässt keine Beschreibung aus, um den Verfallsprozess zu benennen.

Wie schon in ihrem lesenswerten Buch “Aus der Nacht” befleißigt sie sich einer reflektierten, nachdenklichen und in Assoziationen sich ergehenden Erzählweise. „…..wenn sie auch den Schmerz nicht erfuhr, die Eltern zu früh sterben zu sehen, an der Front, in den Lagern, als zivile Bombenopfer oder von Krankheiten hinweggerafft, so kennt sie doch den Schmerz, sie zu lange leben zu sehen und zu erleben, wie sie sich in lebende Tote verwandeln, die durch die Straßen oder die Flure der sogenannten Altenpflegeheime irren und mit ihrem ganzen Gewicht auf dem Leben ihrer Nachkommen lasten".

Während der erste Teil der Erzählung allgemeinen Betrachtungen über Alter, Einsamkeit, Siechtum, Tod und Sterben und auch frei assoziierten Gedanken an die Familie gewidmet ist, erzählt die Autorin in einem zweiten Teil über ihre Erfahrungen mit der Fürsorge für den an Alzheimer erkrankten Vater und die Tante.
Sie berichtet sensibel, erschöpft und traurig über ihre Gefühle.
Die Bürde, die sie trägt, ist fast körpernah zu spüren. Da bleibt neben der Arbeit und der Organisation für die Kranken keine Zeit mehr zum Luftholen oder für ein Eigenleben.
Mutig und krass packt Cécile Wajsbrot ein Thema an, das in seiner Ausweglosigkeit und belastenden Realität nur schwer erträglich ist.

Die poetischen Zwischentexte weisen immer wieder auf die ersehnte Ruhe oder die mögliche Wahrnehmung von Vogelsang und Jahreszeitenwechsel hin.

Das Thema der „alternden Gesellschaft“ ist brisant, viel diskutiert und beschäftigt Politik und Sozialverbände. Der Einzelne jedoch bleibt mit seinem Schicksal in der Familie nur allzu oft alleine.

Eine Lösung für ein Altern in Würde ist nicht in Sicht und wird es vielleicht auch nie geben. Zu groß ist die Diskrepanz zwischen den Lebenden und den noch nicht Toten!

Das ist ein trauriges aber sehr wichtiges Buch für alle jene, die dem Alter mit Sorge aber doch wissend ins Auge sehen.

Migliedermeinung

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