Altersglück

von

Essay

192 Seiten (gebunden)
Hoffmann und Campe

Erscheinungsdatum: 14.03.2008

ISBN: 9783455400892

Rezension von

Verfasst am: 19.03.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

In diesem hübschen und mit Leichtigkeit aufgemachten Büchlein begegnet uns auf humorige Weise der Segen der Vergesslichkeit!

Der Autor singt ein Loblied auf das Alter, die Unwissenheit und die Freiheit, die besonders ohne den Alltagsdruck möglich wird.

Ist man älter, so beginnt nach Meinung des Autors die Zeit der Glückseligkeit. Mit dem Satz eines Joggers ist nichts anderes gemeint, als dass mit dem Segen der Vergesslichkeit die Freiheit winkt!
Das magische Alter der Kindheit musste irgendwann verlassen werden; nun im Alter darf man diesen Bereich der Magie wieder betreten.

An vielen komischen und einleuchtenden Beispielen macht uns der Autor mit den kleinen Vergesslichkeiten des Alltags vertraut. Was zuerst noch belustigt wirkt, das gewinnt allmählich an Bedeutung und nimmt zuletzt eine ernsthafte Wende.
Im Alter verflüchtigen sich die Augenblicke der Gegenwart, um stattdessen mit Fetzen aus der Vergangenheit den Tag zu beleben. Viel Neues kommt nicht mehr dazu. Der Kopf hat in einem langen Leben schon zu viel aufgenommen. Für aktuelle Neuigkeiten ist da kein Platz mehr.

In einem treffenden Kapitel spricht Bittrich von der subjektiven Wahrnehmung des Alters. Der lange Zeitabschnitt bis circa Ende dreißig gilt gemeinhin als die Altersphase, in der die Spezies als abgesondert von dem eigenen Selbst betrachtet wird. Es liegt außerhalb jeder Vorstellung, dass man einmal selber dazu gehören könnte. Später kippt die Wahrnehmung um zu der feststehenden Tatsache, dass nur das Gegenüber alt geworden ist, man selber aber weiterhin innerhalb der dreißiger Jahre stehen geblieben ist.

An vielen amüsanten Beispielen zeigt der Autor, wie Alter sich darstellt und welche Irritationen das eigene Alter auslöst,—bis dann das endgültige und gewissermaßen gnädige Vergessen einsetzt!
Der Autor lässt dabei durchblicken, wie schmerzlich für Angehörige der Prozess des Verfalls ist, wenn sie den alten und vertrauten Menschen mit Worten nicht mehr erreichen können und ihn zuletzt sogar in einem Heim unterbringen müssen.

In einem essayistischen Stil, locker, versöhnlich und liebevoll, ohne nur an der Oberfläche zu bleiben, gibt Dietmar Bittrich einen Abriss über das Altersglück. Zitate großer Dichter und Philosophen, versehentliche Fehler, denen bekannte Persönlichkeiten in Verkennung ihres Alters erlegen sind: die Palette der Aufzählungen, Geschichten und Beispiele ist lang. Es ist eine freundliche und ermunternde Lektüre für diejenigen, die ihr Alter beklagen und für alle anderen, die sich ein wenig gutwillig auf die Schippe nehmen lassen können.
Das schöne, mit reichhaltigen Erfahrungsberichten ausgeschmückte kleine Buch, schnell zu lesen und fernab aller dümmlichen Ratgeberbücher, gibt dem Leser die Möglichkeit, dem eigenen Altwerden mit wohlwollendem Verständnis zu begegnen. Die Bürde des Alters verkehrt sich hier einmal in Leichtigkeit. Und doch lässt uns der Autor zum Schluss seiner Betrachtungen Einblicke nehmen, die philosophisch tief und anrührend an die Vergänglichkeit erinnern. Da gibt es keinen Neid mehr, kein Glücksversprechen und keine Illusionen. Der leere Blick der ganz Alten signalisiert, dass sie keine Erwartungen mehr kennen und einzig der Augenblick zählt.
Vom ewigen Kreislauf des Lebens handelt dieses Buch, vom Werden und Vergehen. Leise Melancholie klingt zum Ende hin an. Dietmar Bittrich schreibt mit ganzer Seele und aus tiefem eigenem Verstehen Es gibt kein Klischee und keine Verleugnung sondern die wahrhaftige Konfrontation mit dem, was einen jeden von uns erwartet, so er es denn erlebt.

“Die Wirklichkeit ist immer schonender als die Vorstellung von ihr” zitiert Bittrich auf einer der letzten Seiten Schopenhauer. Ein tröstlicher Satz und ein schönes Ende für diesen kleinen Essayband.

Migliedermeinung

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Leserbewertung (2):

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