Rezension: Der Tag war blau

Leben in fremder Haut
Adèle hat sich von einem Fest davongestohlen, um sich der Natur noch einmal, bevor der Schulalltag beginnt, in aller Stille zu überlassen.
Mit farbigen Beschreibungen, die poetisch, still und intensiv Einblicke in die Einmaligkeit einer unberührten und einsamen Naturwelt gewähren, finden wir uns in einer abgelegenen Gegend Südfrankreichs wieder.

Hier sammelt Adèle jeden Tag die Kinder von den verschiedenen Bauernhöfen ein, um sie mit einem Bus über die Hochebene zur Schule zu fahren. Winters wie Sommers zieht sie los. Jedes Kind kennt sie und alle wissen übereinander Bescheid.
Nur Adèle hat ein Geheimnis, das sie mit sich trägt.
Rückblickend sehen wir sie als kleinen Jungen auf dem Bauernhof ihrer Eltern.

Die Mutter starb früh, der Vater kam in ein Altersheim, denn das Land wurde zum Zweck eines Stausees überflutet. Der kleine Bruder Alex und sie lebten alleine und besuchten ein College in der Stadt.

Jetzt ist sie schon seit zehn Jahren wieder in ihrer alten Gegend.

Während sie tagaus und tagein den Schulbus steuert, gehen ihre Gedanken über den Augenblick hinaus: zurück zu ihrem bäuerlichen Elternhaus und zu ihrem jüngeren Bruder, der so viel stärker war als sie.
In Andeutungen und kurzen quälenden Einblicken erinnert sich Adèle daran, dass sie sich immer schon als Mädchen gefühlt hat. Sie lebte im falschen Körper eines Jungen, in dem sie sich nie zu Hause fühlte.

Sehr diskret und dezent sind die Einlassungen der Autorin zu diesem Thema. Kein falsches Pathos oder gar rebellierende Gesellschaftskritik werden hier eingeblendet. Ein Irrtum der Natur liegt vor, der zu quälenden Einsichten und Veränderungen führte. Von der unglaublichen Erkenntnis des Andersseins bis zur Entscheidung zu einer neuen Selbstbestimmung musste ein schmerzvoller Weg zurückgelegt werden. Feinfühlig und in lockeren Szenen wird über Adèles Wandlung berichtet.

Die Geschwisterbeziehung zwischen Adèle und ihrem Bruder zerbricht daran.

Emmanuelle Pagano wechselt die Stilebenen von der zögernden, empfindsamen Selbstbetrachtung, die in eine malerische und bunt gefächerte Landschaft eingebettet ist, bis zu den brutalen Einblicken in das Zusammenleben mit Menschen, die einer solchen Wandlung befremdet, mit Hass und Ablehnung gegenüber stehen. Zugleich bietet die Nähe zu den Schulkindern der Protagonistin einen Hort der Zugehörigkeit. Lange Jahre fährt sie gefährliche Strecken, so dass sich zwischen ihr und den Kindern ein Verhältnis des Vertrauens entwickelt hat. Bei einem ungewöhnlichen Aufenthalt in tief verschneiter Winterkälte manifestiert sich diese Zugehörigkeit zwischen ihr und den Kindern in einer abenteuerlichen und anheimelnden Szene.

Mit dem Kontrast von zarter und feinfühliger Naturbetrachtung und offensichtlich brutaler Körperlichkeit wird betont, dass die Grenzen zum Abnormen schwer zu verkraften sind. Die Autorin hat das Thema glänzend abgehandelt: kompetent, einfühlsam und mit der nötigen Distanz und Einsicht um die Hintergründe eines menschlich so ungewöhnlichen Schicksals.

Pagano hat einen klaren, nüchternen, verständnisvollen und von menschlicher Ehrlichkeit ausgezeichneten Roman geschrieben. Es ist ihr erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Die Übersetzerin Nathalie Mälzer-Semlinger ist dem Text mit Deutlichkeit und sprachlich überzeugender Finesse gerecht geworden.
Claudine Borries

Verfasst von Claudine Borries am 20.03.2008.

 

 

 

Bookreporter
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Buchinfos

Der Tag war blau

Wagenbach


Der Tag war blau

Roman

Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger

176 Seiten (gebunden)
Wagenbach

Erscheinungsdatum:
01.02.2008

ISBN: 9783803132161


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Die Autorin

 

Emmanuelle Pagano

 

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