Kleiner Mann von hinten

von

literarische Biographie

Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schäfer, Claudia Steinitz

240 Seiten (gebunden)
Claassen

Erscheinungsdatum: 01.03.2008

ISBN: 9783546004176

Rezension von

Verfasst am: 25.03.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Der Krieg und in die Liebe!
Zügig, humorvoll und hintergründig beginnt Richard Morgiève einen Roman, mit dem er seinen Eltern ein Denkmal gesetzt hat.

1942 trifft seine Mutter Andrée in ihrer Heimat Südfrankreich einen kleinen polnischen Mann. Sie verlieben sich auf der Stelle unsterblich ineinander! Ihre Liebesgeschichte ist von überschäumender Herzhaftigkeit.

Stéphane ist Jude, gewitzt, schlau, charmant und ein Hans-Dampf in allen Gassen. Er ist klein und nicht besonders gut aussehend. Sein Charme aber ist umwerfend, und Andrée kann nicht mehr von ihm lassen. Umgeben ist er von allen möglichen gescheiterten Gestalten, die ihm treu ergeben sind. Er ist Draufgänger, mutig, lebenslustig und wild. Andrée ist die Tochter eines Metzgers, sehr schön, lieb und unerfahren. Mit 24 Jahren und einem vierjährigen Sohn ist die bereits Witwe. Andrées Verwandte bilden ihren getreuen Anhang.

Sie leben alle in der unteren Ardèche, müssen den Krieg, die französischen Widerständler, Kommunisten und Faschisten alles in Einem aushalten.
Sein Geschäft macht Stéphane auf dem schwarzen Markt. Zuerst mit den Deutschen, später mit den Amerikanern,—ihm ist es gleich, wie er zu Reichtum kommt. Der Krieg hält Europa in seinen Klauen, und Überleben ist die alles überragende Devise.
Eine der Lebensstationen ist Grenoble. Der Reichtum nimmt zu, die Gefahren werden nicht geringer, und Stéphane bemüht sich, seine Ängste von Andrée fernzuhalten. Sie weiß nichts von ihm, spürt aber, dass er Schrecken erlebt haben muß, die ihn nachts im Schlaf heimsuchen.

Morgiève schafft in seinem Roman ein Klima des schnellen Wandels, der Angst und des Durchhaltens. Er beschreibt anrührend eine alles überdauernde leidenschaftliche Liebe zwischen seiner Mutter und seinem Vater. Noch ist er nicht geboren, aber zu Simon, dem Sohn von Andrée, ist eine kleine Tochter dazu gekommen. Die Familie zieht von Ort zu Ort und von einem Gut zum anderen. Mit Leichtigkeit und Humor wird Situationskomik erfasst.
Der Strom von poetischen Worten und Sätzen, mit denen Morgiève eine Nachkriegszeit beschreibt, in der das Ganoventum und der schnell erworbene Reichtum alle anderen besiegt, ist von faszinierender Eigendynamik. Es wird getrunken, gefeiert, getanzt und geliebt; der Vater ermuntert die Mutter zur Verschwendung und treibt es selber auf die Spitze. Zuletzt zieht der Clan, zu dem sich außer einigen treuen Gefährten noch die kinderlose Schwägerin Lily gesellt, mit dem ganzen Tross nach Paris, wo Stéphane schnell und erfolgreich immer reicher wird. Die Geschäftsbeziehungen werden zu einem den Globus umspannenden Unternehmen ausgeweitet. Man spürt, dass das Leben der Familie auf einen Kulminationspunkt zusteuert, dem ein Untergangsszenario folgen wird.

Morgiève berichtet mit Distanz zur eigenen Geschichte, auch wenn er melancholisch und emphatisch berührt ist. Sein Leben ist verknüpft mit einem Roman, in dem er Krieg, Verfolgung, Wahnwitz und Untergang auferstehen lässt. Atmosphärisch ist der Autor ganz nah an der Vergangenheit. Sein Sprachwitz und der Reichtum seiner poetischen Bilder geben der Erzählung Spannung und Tempo. Zuweilen gemahnt die Erzählung an ein langes Poem.

Morgiève versucht herauszufinden, was seinen Vater zum Schurken gemacht hat, und warum seine Mutter ihm dauerhaft treu ergeben geblieben ist.

Ein anrührendes und spannendes Dokument der Zeitgeschichte, das sich als Roman tarnt, ist aus der Suche nach seinen Wurzeln geworden.

Das Buch ist in Frankreich seit 1988 immer wieder neu aufgelegt worden und gilt als viel gelesenes Meisterwerk.
Die Übersetzung von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz ist hervorragend.
Geschrieben von Claudine Borries

Migliedermeinung

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