Der Totenleser

von

Historischer Krimi

Aus dem Spanischen von Julika Brandestini, Enno Petermann

640 Seiten (gebunden)
Rütten & Loening

Erscheinungsdatum: 09.11.2012

ISBN: 9783352008412

Brigitte Linke
Rezension von

Verfasst am: 06.01.2013

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Forensik aus dem Reich der Mitte.

Ehrgeiz und das Streben, seiner Berufung nachzugehen, führen Song Ci aus seiner gutbürgerlichen Familie, in die er im Jahre 1186 als Sohn des Staatsbeamten Song Kung geboren wurde, an die Kaiserliche Universität von Lin’an. Zurück in die Stadt, in der er einen Teil seiner Schulzeit verbracht hatte, bevor sein Vater die Stellung als Beamter aufgab und mit der Familie wieder in ihr altes Dorf zurückkehrte, um die Trauerzeit für den verstorbenen Großvater einzuhalten.
Die Sehnsucht nach Wissen und das Interesse an der Forensik lassen Ci von dort wieder aufbrechen, nachdem das Schicksal seiner Familie schwere Opfer abverlangt hat. Sein Vater fällt in Unehre, weil Verleumdungen ihn des Betruges bezichtigen und kommt zusammen mit seiner Mutter beim Brand ihres Hauses um. Seinen Bruder Lu ereilt ein qualvoller Tod. Ci übernimmt die Verantwortung für Mei Mei, seine kleine, kränkliche Schwester und nimmt sie mit nach Lin’an.
Mit der Schande über dem Namen des Vaters zu leben, bedeutete zur damaligen Zeit eine Schmach für jeden Nachgeborenen, die ihm den beruflichen Aufstieg nahezu unmöglich machte, selbst wenn man so mächtige Mäzene hatte wie den Richter Feng oder den gelehrten Magister Ming, denn auch sie gehörten letztendlich zum Kreis der Menschen, deren Prägung durch unmenschliche, grausame Gesetze erfolgte und deren Schweigen sowohl Duldung als auch Verdammung bedeuten konnte – verborgen hinter der undurchschaubaren Maske der ewigen Förmlichkeit.
Als Cis forensische Fähigkeiten als “Totenleser” sich bis in die höchsten Kreise herumsprechen und ihm von kaiserlicher Seite die Aufklärung dreier Todesfälle befohlen wird, beginnt für ihn eine Ermittlung, bei der ein Fehler oder gar ein Versagen den Tod bedeutet.

Dieser voluminöse Roman um den chinesischen Medicus ist ein imponierendes Werk des Autors Antonio Garrido.
Eingebaut in ein hervorragend recherchiertes Umfeld der chinesischen Gegebenheiten, Sitten und Gebräuche, Ehrvorstellungen und Familientraditionen, entwickelt Garrido mit dem Lebenslauf des Protagonisten Ci eine spannende Kriminalgeschichte, die mich absolut in ihren Bann gezogen hat.
Auch wenn die Fremdheit des Handlungsortes mir eigentlich bis zuletzt erhalten blieb, weil eine Identifikation mit den dortigen Verhaltenweisen für mich nicht möglich ist, so bedeutet vielleicht gerade dies eine ungeheure Faszination.
Für mich war das Lesen dieses Werkes wie das Betrachten eines Gemäldes. Behäbig und doch flüssig, in einer sich Zeit lassenden Erzählweise, mit vollem Sprachreichtum – so wie der Maler mit kräftigem Duktus unter in Anspruchnahme seiner ganzen Farbpalette.

Antonio Garrido hat hier ein absolutes Ausnahmebuch geschaffen, eine Tür zu einer ganz anderen Welt geöffnet, in der die Gedanken auch dann noch verweilen, wenn man selbst schon lange wieder “daheim” ist.
Erste Reihe Bibliothek!

Komplette Sterne als Leseempfehlung.

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