von

Gedichte

Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig

200 Seiten (gebunden)
Matto Verlag Köln

Erscheinungsdatum: 01.01.2013

ISBN: 9783936392050

Rezension von

Verfasst am: 30.01.2013

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Bisher ist das schriftstellerische Werk des legendären Filmemachers Jonas so gut wie unbekannt. Jetzt ist ein wunderbarer Gedichtband erschienen, in dem sich Mekas als Poet von höchsten Graden erweist.

Der Felder grüne Kiefern, ranke Frauen. Die Gedichte des Jonas Mekas

Im ersten Gedicht der „Semeniškiai-Idyllen“ von Jonas Mekas heißt es: „Alt ist das Brausen des Regens in den Zweigen der Sträucher, / ist das Kollern des Birkhahns im Morgenrot des Sommers, / alt ist dieses, unser Sprechen.“
Jonas Mekas? Wer? Cineasten kennen ihn, den legendären Filmemacher und Protagonisten der Fluxus-Bewegung. Als Dichter jedoch ist er ein relativ „unbeschriebenes Blatt“ – bis jetzt.
Jonas Mekas, 1922 in Litauen geboren, Zwangsarbeiter in Nazi-Deutschland, lebte als „displaced person“ in verschiedenen Lagern der Alliierten in Westdeutschland, bevor er 1949 in die USA emigrierte.
Neben seinem filmischen Schaffen war es immer die Dichtung, die Jonas Mekas als künstlerisches Ausdrucksmittel sah, um sich seiner Herkunft, seiner Verbundenheit mit seinem Land und seinen Menschen zu vergewissern. Dass Mekas das lyrische Genre auf nahezu vollkommene Weise beherrscht, bestätigt ihm der polnische Literatur-Nobelpreisträger Czeslaw Miłosz. Jonas Mekas’ „Gespür für die Einzigartigkeit von Licht, Farbe und Düften seiner Heimatregion …ist… die eines Visionärs, der den irdischsten Details der Wirklichkeit eine höhere Intensität verleiht.“
„…den irdischsten Details der Wirklichkeit eine höhere Intensität“ zu verleihen, dies ist Jonas Mekas auf wunderbare Weise gelungen. Und deshalb ist er ein Poet im wahrsten Sinne des Wortes. Nachzuprüfen in den erstmals in einer litauisch-deutschen Edition vorgestellten Zyklen „Die „Semeniškiai-Idyllen“ und „Reminiszenzen“.
Die „Idyllen“ – bereits 1948 geschrieben, sind sechsundzwanzig Gedichte, die sich wie kleine lyrische Erzählungen lesen. Sechsundzwanzig Gedichte, die Bilder aus der verlorenen Heimat evozieren. Sie „erzählen“ den Verlauf des Jahres nach, strukturiert durch die Jahreszeiten. Sie erzählen von Landschaften und Menschen, von Feldern und Bäumen und Maulwurfgrillen, von Wäscherinnen und Fischern. Mekas schrieb „Über gelbe Felder von Gerste und Hafer, / Hirtenfeuer in herbstlich feuchter, winddurchwehter Einsamkeit, / über das Kartoffelgraben, die schwere Sommerschwüle…“, über den „goldenen Duft der Sommernächte“ und „Der Felder grüne Kiefern, ranke Frauen“.
Es sind wunderbar zarte Verse, die seinem einzigartigen Gespür für Dinge und Menschen, „die er so behutsam mit den Lippen berührt, dies so behende Echo…aus ferner Vergangenheit, aus dem Jenseits der Zeitenwende“ (Robert Kelly) zu verdanken sind. Verse von einer unverstellten Echtheit, der Erinnerung geschuldet. Denn „alt ist dieses, unser Sprechen“.
„Ich wollte…“, so Jonas Mekas, „… nur über Semeniškiai schreiben. Ohne Poesie, gegenständlich. Ich dachte an eine gegenständliche, dokumentarische Lyrik. Und so habe ich dann auch geschrieben“. Er hat in litauischer Sprache geschrieben, in seiner Sprache – und er hat über Semeniškiai geschrieben, über einen Ort, der durch seine Gedichte zu einem geopoetischen Topos geworden ist auf der Landkarte der Literatur.
Mit diesen Gedichten hat sich Jonas Mekas auf poetische Weise und mit den Mitteln lyrischen Erzählens seiner Heimat versichert, jenseits von „Tümelei“ und restaurativen Gedanken; und ihr mit seinen Gedichten ein Denkmal gesetzt. Und das nicht nur in den „Semeniškiai-Idyllen“.
In den „Reminiszenzen“, wenn man so will: ein Stück autobiographischer Vergewisserung, beschreibt Mekas seinen Weg aus dem deutschen Flensburg 1945 nach New York 1951. Acht Gedichte von großer Eindringlichkeit – mit Versen wie „Es war schon Sommer, als wir Flensburg verließen. / In der Bucht kreuzten schon Segelschiffe, auf den Molen, dem Wasser und den Fischerbooten flimmerte die Hitze…“ Und weiter: „… wir blickten in die fahle Mondnacht, auf das erschöpfte und gequälte, verbrannte, / gebrochene – vor kurzem noch herrliche / Mitteleuropa.“
Abschied und Ankunft: „Oh Amerika, Du weites, Du berauschendes, / mit Deinen roten Bergen, Deinen üppigen Strömen…“. Die Verbundenheit mit seiner Heimat und Herkunft verschließt dem Dichter nicht den Blick auf das Neue. „Ich nahm jeden Geruch in mich auf, der mir begegnete, / jeden Gegenstand und jeden Laut, die sanften, / duftenden Berührungen von Feldern und Flüssen, / ich trage alles bei mir, von Kindheit an, / immer hungrig, ohne anzuhalten, / binde ich mich an jede neue Begegnung“.
Jonas Mekas – die poetische Entdeckung schlechthin. Ein Kompliment dem Kölner Matto Verlag, der uns mit der Veröffentlichung dieser wunderbaren Gedichte beschenkt hat. Und mit einem Buch, das sich wohltuend von der Massenware abhebt. Einband, Satzspiegel, Typographie – alles hat bibliophilen Charakter. Auch hat Claudia Sinnig, die die Gedichte aus dem Litauischen und Englischen ins Deutsche übersetzt hat, ein sehr fundiertes Nachwort geschrieben.

Der Dichter Jonas Mekas ist eine poetische Entdeckung schlechthin. Ihm gelingt es, den irdischsten Details der Wirklichkeit eine höhere Intensität zu verleihen – mit den Mitteln der Poesie und seinem “Gespür für die Einzigartigkeit von Licht, Farbe und Düften”.

Migliedermeinung

Rezensentenbewertung (1):

  • 5.0000/5 Sterne.

Leserbewertung (0):

  • Momentan 0/5 Sterne.

Ihre Bewertung:

  • Momentan 0/5 Sterne.
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5