Die Vereinigung jiddischer Polizisten

von

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer

384 Seiten (gebunden)
Kiepenheuer & Witsch

Erscheinungsdatum: 21.04.2008

ISBN: 9783462039726

Rezension von

Verfasst am: 30.04.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Ein Kriminalroman der literarischen Spitzenklasse!
In Alaska wird die Stadt Sitka als die Hauptstadt der Juden ausgegeben. Auch so könnte man sich also die Gründung eines Judenstaates vorstellen: nach dem Holocaust und dem Zusammenbruch des Staates Israel 1948 gründen die Juden in Alaska vorübergehend einen neuen Staat. Inzwischen droht auch hier die erneute Ausweisung.

Verrückt mutet das Szenario an und ist doch durchaus vorstellbar: überall in der Welt könnte ein Judenstaat entstehen. Und immer wieder würde das Dasein der Menschen eines Tages durch Vertreibung enden. Visionäre Ausblicke!

Mit erheblichem Aufruhr beginnt der Roman von Michael Chabon, der in diesem fiktiven Staat spielt: in einem Hotel in der Stadt wird ein ehemaliges Schach-Wunderkind ermodert aufgefunden! Und Kriminalkommissar Meyer Landsman rätselt, wer der Mörder sein könnte!

Meyer Landsman und sein Kollege geraten bei der Suche nach dem Mörder an den Vater des Opfers: es ist der angesehene Rabbi Heskel Shpilman, ein feister Koloss von einem Mann.
Die Todesnachricht überrascht ihn nicht. Er hat den Sohn schon vor Jahren für tot erklärt und das Kaddisch über ihn gesprochen, weil er auf die schiefe Bahn geraten war.
Landsman bleibt beharrlich auf seinem Kurs. Ihm scheinen die äußeren Bedingungen für den Mord rätselhaft. So habe der Sohn als kleiner Junge gewisse Anzeichen von sich gegeben, dass er der ersehnte Tzaddik ha-Dor, Gerechter seiner Generation, eine Art Messias, sein könne.

Bei der nachfolgenden Suche nach dem Mörder von Mendel Shpilman verstrickt sich Landsman in weit reichende Schwierigkeiten. Eine ausgedehnte Intrige und Vertuschung bei der Aufklärung des Mordes von ganz oben wird ihm zum Verhängnis. Er wird vom Dienst suspendiert, lässt aber nicht locker. Seine Frau Bina schützt ihn. In einer sehr anrührenden Szene begegnet Landsman seiner Ex Frau Bina, die neuerdings seine Vorgesetzte in der Mordkommission ist. Immer noch spürt man die Zärtlichkeit, die sie einst verbunden hat. Verhalten und scheu bleiben sie sich ferne, und nur die Sehnsucht nach ihr ist immer noch spürbar,—und bleibt es bis zuletzt!

Auf abenteuerlichen Wegen gelangt Landsman in eine abgelegene Gegend, erlebt spannende Suchoptionen, erfährt vom Tod seiner Schwester und deckt ein weit verzweigtes Netz von spinnerten und abwegigen jüdischen Religionsfanatikern mit politischen Absichten auf. Ein Abenteuer löst das andere ab und bietet Spannung pur.

Landsman kommt seinem Wunsch, die Aufklärung des Mordes an Mendel Shpilman voran zu treiben, immer näher.
Das Buch ist voller hintergründiger Einzelheiten und Anspielungen auf die jüdische Religion, Geschichte und Tradition. Abenteuerliche Winkelzüge und kaum vorstellbare Verwicklungen führen den Leser an der Nase herum.
Scharfzüngig und geistreich reiht sich eine Spitze an die andere. Szenen voller Tiefenschärfe und geheimnisvoller Rituale verlangen dem Leser einige Kenntnis über jüdisches Brauchtum ab.
Die eigentliche Kriminalgeschichte ist eingebettet in die fiktive Geschichte dieses imaginierten jüdischen Staates in Alaska. Befreiungs- und Erlösertheorien wechseln ab mit kriminellen und politischen Machenschaften, und das Ende ist gut.

Michael Chabon, der Pulitzerpreisträger, sprüht über vor Ideen, wenn es darum geht, eine Fantasiegeschichte zu erfinden.
Seine Prosa, durchmischt mit vielen jiddischen Ausdrücken, die nicht jeder immer gleich übersetzen kann,—aber dazu gibt es ein Anmerkungsverzeichnis, —ist temporeich und witzig. Man sollte auf der Hut sein, zu glauben, dass man die Geschichte gleich versteht.

Der Autor verlangt uns Wissen um die jüdische Geschichte, Witz und Humor ab, um die vielen skurrilen Einzelheiten zu begreifen. Hat man sich aber einmal eingelesen, kann man von dem Text nicht mehr lassen!
Eine Leistung ist die Übersetzung von Andrea Fischer, die sich wieder einmal als ein hervorragendes Sprachgenie erweist.

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