Achterbahn

von

autobiographischer Roman

384 Seiten (gebunden)
Rowohlt

Erscheinungsdatum: 02.05.2008

ISBN: 9783498045104

Rezension von

Verfasst am: 02.05.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Pacific Palisades/ Kalifornien 1940.
Die Familie von Thomas Mann ist auf dem Umweg über die Schweiz vor den Nazis nach Amerika emigriert.
Der erste Enkel Fridolin wurde dort geboren.
Sein Leben beginnt unter der glücklichen Obhut seines Großvaters und seiner Großmutter. Immer sollte es nicht so bleiben.
Wie kann man im Schatten Thomas Manns leben?

Frido, der erste und sehr geliebte Enkel von Thomas Mann, hat sein Leben als Achterbahn beschrieben. Der Titel des Buches wurde zu Recht gewählt, denn dem Jungen wurden viele Jahre lang ständig wechselnde Aufenthaltsorte und ebenso wechselnde Bezugspersonen zugemutet. Die ersten acht Jahre in Kalifornien gehörten allerdings noch zu den schönsten in seinem Kinderleben.
Er erlebt seine Onkel und Tanten, die dort zahlreich erschienen sind und hat sie in lebhafter Erinnerung. Dazu kommen viele Besucher mit bekannten Namen, die ebenfalls zur Kolonie der Emigranten gehören. Schon im kleinsten Baby- und Kindesalter wurde Frido häufig für längere Zeit bei seinen Großeltern abgegeben. Seine Eltern, Th. Manns Sohn Michael und dessen Frau Gret, führen zeitlebens ein unstetes Leben, das sie in aller Herren Länder führt. Familienleben mochten und wollten sie nicht.
Für den kleinen Jungen festigt sich daher früh eine enge Bindung an den Großvater. Dieser konnte schöne Geschichten erzählen, nahm ihn auf ausgedehnte Spaziergänge mit und war eine ruhige und zuverlässige Erscheinung. Die Großmutter war eher aufbrausend, dabei zärtlich und fürsorglich.
Aus der Perspektive Fridos erfahren die Charakterisierungen aller Mitglieder der Familie Mann, die schon aus anderen Biographien bekannt sind, eine glaubwürdige Ergänzung.
Die exzentrische Erika, das verrückte Mönle, in der Geschwisterfolge das Pendant zu Golo, der Selbstmord von Klaus: Frido bekommt immer nur Schattierungen mit. Er registriert sensibel, wie das Verhalten der Erwachsenen auf ihn wirkt.
Kompliziert ist seine Rolle als Echo im Dr. Faustus, für die er die Vorlage gab. Bekanntlich wird Echo nach qualvollem Leiden mit vier Jahren buchstäblich vom Teufel geholt.
Die Blicke der Erwachsenen und Besucher zeigen ihm, dass man irritiert ist von dem Bild, mit der er zur Romanfigur wurde. Was es bedeutete, mit dem bösen Omen dieser vom Tode bedrohten Figur durchs Leben zu gehen, schildert Frido ausführlich und erläutert die Gedanken, die Th. Mann bewegt haben könnten, ihn zur Leitfigur dieser Rolle zu machen.

Fridos Weg führt nach dem Ende des Krieges und nach den einigermaßen glücklichen Kinderjahren in Kalifornien in die Schweiz, wo ein ungewöhnlich unruhiges Leben für ihn beginnt. Beide Großeltern leben nun am Zürichsee, und sie bleiben auch erreichbar für die Kinder.
In seinen Aufzeichnungen zeigt Frido die Eltern als in sich zerrissene Gestalten, die ihren Kindern überhaupt nicht gerecht werden können. Sie tauchen nur sporadisch auf und schieben ihre Kinder ständig herum. Brüche kamen häufiger vor. Versöhnungen wurden vom Sohn versucht; er musste dazu vielfache Hürden überwinden.
Die zahllosen Schulen, die er besuchte, müssen eine Qual für das Kind gewesen sein. Er musste sich von Freunden trennen, in immer neue Umgebungen eingewöhnen und verschiedene Unterrichtssprachen praktizieren.
Sein Leben beschreibt er ehrlich und aufrichtig. Es wurde von den übermächtigen Persönlichkeiten der Familie Mann überschattet. Sich daneben zu behaupten, war schier unmöglich.
Der Tod des Großvaters 1955, ein jähzorniger Vater und eine kalte Mutter haben ihn sehr verunsichert. Man fragt sich, wie er unter diesen Bedingungen überhaupt zu einer gefestigten Persönlichkeit heranwachsen konnte. Es ist ihm mit Energie, immer neuen Anläufen, der Begleitung durch die richtigen Persönlichkeiten zum rechten Zeitpunkt gelungen.

Früh schon hatte er eigene Vorstellungen für seine Berufswahl. Er wurde zuerst Musiker, dann studierte er Theologie, danach wurde er Psychologe und Arzt, Doktor und Professor.
Seine vorübergehenden Aktivitäten an der Universität Leipzig/ DDR brachten ihn in Misskredit. Vieles hat er ausprobiert, und manches wieder verworfen. Ein Irrender und Suchender war er wohl lange Zeit.
Die marode und zerrüttete Familiengeschichte wird aus Fridos Sicht noch einmal aufgerollt. Seine Ehe mit C., einer Tochter Werner Heisenbergs, hat ihm möglicherweise auf seinem Lebensweg Richtung und Halt gegeben. Auch diese Ehe aber war nicht frei von Anfechtungen.
Auf seiner Suche ist die katholische Theologie lange Zeit für ihn bedeutsam.
Seine inneren Kämpfe und Anstrengungen sind wie in einem Tagebuch festgehalten. Er berichtet über die zahlreichen Ortswechsel, Erfahrungen, freundschaftlichen Begegnungen und beruflichen Fortschritte. Der Nachfahre Thomas Manns kann auf den Ruhm des Großvaters bauen und muss ihn zugleich abschütteln.

In einem mehr ironischen als heiteren Prolog kann man nachlesen, wie es ihm anlässlich der Jahresfeiern in Lübeck zu Ehren des Großvaters erging. Einladungen an ihn wurden vergessen und teils übergangen, als sei er ein überflüssiges Anhängsel der Familie Mann. Zuletzt ist Frido Mann ein eigenständiges Leben geglückt. Die Dankbarkeit für den Großvater gewinnt die Oberhand vor den Bedrückungen, die er als Mitglied der Familie Mann wie alle anderen Abkömmlinge auch aushalten musste.

Zur Abrundung dessen, was die Familie Mann für die Literaturgeschichte durch den Übervater Thomas Mann darstellte, liefert das Buch einen weiteren wichtigen Baustein.
Ein sorgfältig reflektiertes, ehrliches und aufschlussreiches Kapitel der Familie Mann ist mit dieser Autobiographie entstanden.

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