Der Sprung in den Papierkorb

von

Erzählungen

144 Seiten (gebunden)
Ammann Verlag

Erscheinungsdatum: 13.05.2008

ISBN: 9783250601258

Rezension von

Verfasst am: 08.05.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Vom Leben und seinen Tücken, philosophische Anmerkungen zur Gegenwart und Vergangenheit!

Geschichten und Gedanken am Rand ist die ergänzende Überschrift zu dem kleinen Erzählband von Thomas Hürlimann.

Als ich Ende der siebziger Jahre in der Schweiz war und in der Neuen Züricher Zeitung eine kleine Geschichte las, die mich entzückte, da kannte ich Thomas Hürlimann noch nicht. Inzwischen ist er zu einem bekannten und anerkannten Schriftsteller der Schweiz avanciert. Sein nächstes Buch, das meine Begeisterung weckte, war Das Gartenhaus.

Mit dem Erzählband Sprung in den Papierkorb beweist der Autor einmal mehr, dass er der Meister der kleinen, zarten und hin getupften Erzählungen ist.
Aus Vorträgen, Artikeln und kleinen früher schon veröffentlichten Erzählungen, hat er dieses Bändchen mit Essays und Geschichten zusammengestellt.
Schon die erste Erzählung bezaubert den Leser: geht es doch um den Einstieg in das Schreiben.
Hürlimann sieht sich noch einmal als Schüler. Er ist fleißig und selbstbewusst bemüht, sich als Schriftsteller zu etablieren. Nichts gelingt, niemand will seine Theaterstücke und Geschichten haben. Als er kurz davor ist, das Schreiben aufzugeben, begegnet ihm Egon Ammann, der Leiter der Suhrkamp – Dépendance in Zürich. Die beiden Männer mögen sich nicht! Ammann gibt Hürlimann ein Stück zurück, dass er ihm geschickt hatte, und bittet ihn: schreiben Sie Prosa, dann bringen wir sie heraus! Hürlimann lehnt ab. Dann aber geschieht das Wunder: bei einem weiteren Treffen eröffnet ihm Ammann, dass er mit seiner Geschäftspartnerin einen Verlag gründen wird. Hürlimanns Buch Die Tessinerin wird zum ersten Buch des neu gegründeten Ammann Verlages.
Nach diesem glänzenden Einstieg legt man das Buch nicht mehr aus der Hand.
Th. Hürlimann kann beobachten und er kann schreiben. Zart und freundlich sind die Ereignisse, von denen er berichtet. Im Theaterfoyer und beim Lesen läßt er uns über die Schulter schauen.
In einer seiner schönsten Reden anlässlich der Preisverleihung des Jean- Paul Preises kann man einen tief hintergründigen, witzigen und geistreichen Hürlimann erleben. Wie er vom Erlebnis des eigenen Lebens zum Siebenkäs von Jean Paul überleitet, das muß ihm erst einmal einer nachmachen! Da werden Wortgebilde aufgegriffen und verdreht; da kommt Kant und Fichte zu Wort, die von Jean Paul verehrt wurden, und da wird die Liebe hin und her gedreht, dass es eine Freude ist. Wenn Gott, nach Jean Paul, verkünden muß, „dass Unendliche sei endlich geworden— in einem Schriftstellerhirn, —dann ist kein Gott mehr, kein Himmel und kein Paradies… „ und weiter : „statt dessen stecken nun alle Beteiligten in der Ich-Haube des deutschen Idealismus, also in einer dunklen Kammer, und der bürgerliche Totentanz à la Strindberg kann beginnen“.
Wer solche Sätze ersinnt und dazu im Weiteren noch viele Absurditäten und Kuriositäten aufdeckt, dem muss man schmunzelnd lauschen und kann sich der Denkkreativität des Schriftstellers Thomas Hürlimann kaum entziehen.
Mit großem Vergnügen liest man die Folgegeschichten in dem kleinen Erzählband und ist entzückt von der klugen, gebildeten und äußerst geschmeidigen Prosa des Dichters.

In seinem letzten Aufsatz, einer Vorlesung über den philosophischen Gehalt der Treppe, wird man mit vielen Ideen konfrontiert, die man sich gewöhnlich im Alltag nicht vorstellt.
Vom Auf und Ab der Treppe, von Golgatha bis Platon reichen die Beispiele, denen man mit Interesse nachsinnt. Poetisch einfallsreich und vielgestaltig fließen die Gedanken aus der Feder, und man möchte gar nicht aufhören, dem Erzähler zu lauschen.

Geistreich, tiefenscharf und amüsant überlässt man sich der Lektüre. Sie ist anspruchvoll aber nicht anstrengend, unterhaltsam und spritzig. Das Büchlein eignet sich zum Verschenken und zum selber Lesen für den anspruchsvollen Literaturliebhaber!

Migliedermeinung

Rezensentenbewertung (1):

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Leserbewertung (1):

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