In Schrebers Garten

von

literarische Biographie

288 Seiten (gebunden)
Knaus

Erscheinungsdatum: 01.03.2008

ISBN: 9783813502923

Rezension von

Verfasst am: 24.05.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Leben und Weiterleben mit Zwängen, — eine Lebensbilanz in Romanform!

Der sehr zwanghafte, verrückte und penetrante Daniel Gottlob Moritz Schreber, 1808-1861, erfand den Schrebergarten, und, berühmt berüchtigt, den Geradehalter für seine Kinder! Dieser sollte, als Patent geschützt, seinen Weg um die Welt antreten, – die deutsche Welt vorzugsweise.
Moritz Schreber war Orthopäde und Klinikdirektor und traktierte mit seinen Erfindungen nicht nur seine fünf Kinder, sondern auch seine Patienten. Der Glaube an ihn und seine Erfindungen zur Heilung diverser Krankheiten war lange Zeit ungebrochen. Neben der Heilgymnastik und der in seiner Epoche aufkommende Begriff der Volksgesundheit hegte er auch den Begriff der gesunden Triebabfuhr, weshalb er mit mechanischen Geräten zur Verhinderung der Masturbation experimentierte.
Nicht zu trennen sind seine martialischen Maßnahmen von einer ihm eigenen disziplinierenden und drangsalierenden Charakterstruktur, die wie bei vielen Bürgern aus der preußischen Geschichte herrührte. Bei allen gepriesenen Vorzügen des Preußentums konnte man doch auch das zackige, subalterne und obrigkeitshörige Völkchen hier treffen, das empfänglich für jede Art von Disziplinierungsmaßnahmen war.
Von allen fünf Kindern Moritz Schrebers war Paul der aufsässige und wenig folgsame. Er bekam seinen Ungehorsam sattsam zu spüren: des Vaters Strafmaßnahmen kannten in ihrer sadistischen Härte kein pardon. Von diesem Sohn Daniel Paul Schreber, 1842-1911, handelt der biographische Roman, in dem Huizing seiner Familien- und Krankengeschichte nachgegangen ist.
Nach der o. beschriebenen Kindheit und Jugend galten Pauls anfängliche Neigungen der Medizin. Er entschied sich dann jedoch für Jura und war bis zu seiner Einweisung in eine Nervenheilanstalt Senatspräsident in Amt und Würden. Sein Wahn begann früh, hindert ihn aber nicht daran, als Jurist Karriere zu machen.
Nach frühen Wahnvorstellungen begann seine Krankheitslaufbahn. Wohl selten hat man im Roman eine so echte Paranoia beschrieben, wie sie Huizing hier gelungen ist.
In der Schrift „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ legt Paul Schreber bewegt selber Zeugnis ab aus der Welt der Verrückten. Die Aufzeichnungen sind in Fach- und Dichterkreisen gerühmt und bekannt. Ich nenne nur W. Benjamin und Elias Canetti. Ebenso hat Freud der Schrift Paul Schrebers seine Aufmerksamkeit geschenkt und versucht, dessen Verrücktwerden und seine Paranoia u.a. als Folge harter Erziehungsmaßnahmen und der Verdrängung aller Gefühlsregungen, insbesondere auch der sexuellen, zuzuschreiben.
Huizing schreibt nachvollziehbar und zeitgemäß, wie es im Hause der Familie Schreber zuging. Ängstlich und verdruckst scheuten alle den gestrengen Vater. Seiner Autorität, seinen Parolen und Anordnungen hatten sich alle Familienmitglieder zu fügen. Der älteste Sohn Gustav, der sich später das Leben nahm, gefiel sich in der Rolle der väterlichen Nachfolge. Das Familienporträt ist bemerkenswert lebendig geschrieben, aufschlussreich und bietet einen überzeugenden Eindruck deutscher Geschichte des 19. Jahrhunderts, in der das bürgerliche Familienleben in ähnlichen Ansätzen verlief. Das Völkische und die Freikörperkultur mit allen ihren Auswüchsen sind uns hinlänglich bekannt.

Huizing beschreibt schließlich in seinem Roman das Leben des berühmten Juristen und Patienten, Paul Schreber, in einer psychiatrischen Anstalt, ohne sich die Mühe einer tieferen Deutung zu machen. Das Leben Paul Schrebers ist aber ohne tiefenpsychologische Erkenntnisse nicht zu verstehen.
Das Glück der Verrückten, von dem Huizing spricht, ist das Glück derer, die keine Rücksichten mehr auf Konventionen nehmen oder gesellschaftliche Regeln anerkennen.
Nach Ronald D. Laing, 1927-1989, einem englischen Psychiater und revolutionären Denker seiner Disziplin, sind psychotische und schizophrene Menschen die gesunden, weil sie sich in Kontrast zu den gesellschaftlichen Zwängen folgerichtig verrückt verhalten. Da begegnen sich Thesen und Antithesen um die Person Paul Schrebers, die man nicht außer Acht lassen kann, wenn man sich mit seiner Person, seinem Charakter seiner Krankheit befasst.

Der Autor weist nur an einer Stelle auf einen Quellentext hin.
Schön wären ausführlichere Anmerkungen und eine Zeittafel zur Orientierung.
Insgesamt aber ist as Buch gelungen und sehr lesenswert.

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