Zapfenstreich

von

Roman

Aus dem Englischen von Joachim Utz

288 Seiten (gebunden)
Eichborn

Erscheinungsdatum: 01.09.2007

ISBN: 9783821807133

Rezension von

Verfasst am: 09.06.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Eine untergehende Welt zu Beginn des 20.Jahrhunderts!
Die Welt des untergehenden Adels in England ist zum Sujet von Fords letztem Roman aus seiner Tetralogie über die Familie Tietjens geworden.
Die Familie gehört dem gehobenen englischen Landadel an. Der erste Weltkrieg ist zu Ende gegangen. Mark Tiejens, Christophers sehr viel älterer Bruder, hat am Tage des Waffenstillstands einen Schlaganfall erlitten und liegt gelähmt und sprachlos in einem Bett im Garten des großen Anwesens der Familie. Aus Marks Blickwinkel eröffnet sich die Szenerie zu einer makaberen Abrechnung mit einem weitläufig zerstrittenen Familienclan.

Zuvörderst aber ist die Einleitung zu der nur wenige Stunden unfassenden Geschichte eine beeindruckende Landschaftsstudie. Hier gibt es herrliche Düfte nach Most, blühende Wiesen, Pferde und den alten Bauer Gunnings, der sich um seinen Herrn bemüht. Das Gerücht von einer schwer reichen amerikanischen Käuferin für das Gut Groby, in dem die Handlung spielt, macht die Runde. Sylvia, Christophers hysterische und vulgäre Frau, hat das Gut während der Kriegszeit heruntergewirtschaftet.

Marks Freundin Marie Léonie, ein ehemaliges Ballettmädchen aus Frankreich, umsorgt ihn mit liebevoller Zuneigung und Teilnahme. Zwanzig Jahre ist er mit ihr liiert, als es ihn drängte, kurz vor seinem Tod noch die Ehe mit ihr zu schließen.

In langen Passagen lässt Mark sein Leben und das seiner Familie, das Wohlergehen des Gutes Groby und so viele Ereignisse seines Lebens vor seinem inneren Auge vorüberziehen.
Wir erleben den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, in dem viele Regeln der Vergangenheit abgewirtschaftet haben. Ein Blick zurück gestattet den Ausblick auf eine Zeit, in der Konventionen noch berücksichtigt wurden, und in der das richtige Benehmen und die geordnete Welt der englischen Upper – Class ihren Platz in der englischen Hierarchie hatte. Alles begann jedoch zu kränkeln, als im Gefolge des ersten Weltkriegs die Formen ihre Gültigkeit verloren.
Der Gentleman blieb allmählich im Kontrast zum Bourgeoise.
In weiten Teilen drehen sich Marks Gedanken um die fehl gelaufene Ehe seines Bruders und um einen Neffen, von dem man nicht weiß, ob er wirklich Christophers Sohn ist, oder ob er nicht doch aus einer vorehelichen Beziehung von Sylvia, seiner Frau, abstammt. Auch die Vorgänge um das Gut Groby trüben sein Befinden.
Aus der schweigenden Innenschau des sterbenden Mark wird die Dekadenz einer vergehenden Epoche lebendig. Er kann nach dem Schlaganfall nicht mehr sprechen. Wir nehmen die Geschehnisse aus seiner Wahrnehmung und aus seinem Bewusstsein wahr.
Vergleiche mit Joyce und V. Woolf, mit Karl Kraus und Hemingway und viele andere durchziehen die Literaturkritiken zu Fords Werk. Er aber hat seinen eigenen Stil. Dieser ist nüchtern und melancholisch, ernsthaft und ironisch. Mätressen sind an der Tagesordnung, und Ehen gehen zu Bruch, weil sie nicht aus Liebe sondern aus Zweckmäßigkeit gegründet wurden. Intrigen und Gehässigkeiten vergällen ungeliebten Partnern das Leben. Das Ende des 1. Weltkriegs brachte auch das Ende von Illusionen und Leidenschaft, mit der man für eine gute Sache zu kämpfen glaubte.
Mit seinen poetisch reichen Ausführungen vertritt Ford Madox Ford die literarische Moderne in England. In ihr spiegelt sich die große Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre, die uns mit ihrer Präzision und atmosphärischen Genauigkeit und zugleich durch Weichzeichnung einen Eindruck wie auf impressionistischen Bildern vermittelt. In ihnen werden die gesellschaftlichen Umbrüche wortreich, tief schürfend und vielseitig charakterisiert.

Joachim Utz ist der enthusiastische Übersetzer des Romans, der mit einem Nachwort glänzt, in dem er sich auf die vorher gehenden Bände der Tetralogie bezieht. Dabei kann man noch einmal nachlesen, wie sich die Erzählung in die Kriegs – und Nachkriegszeit einfügt. Ford aus der Versenkung verholfen zu haben, ist das Verdienst des Verlages und des Übersetzers.

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