Zaira

von

Roman

478 Seiten (gebunden)
C.H. Beck

Erscheinungsdatum: 15.02.2008

ISBN: 9783406570292

Rezension von

Verfasst am: 25.06.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Eine Familiengeschichte, die quer durch das vergangene Jahrhundert über verschiedene Kontinente führt.

Die Erzählung beginnt in Rumänien vor dem zweiten Weltkrieg. Mit 70 Jahren ist Zaira aus Amerika in ihr Dorf Strehaia nach Rumänien zurückgekehrt und erinnert sich der frühen Jahre ihrer Kindheit. Hier ist sie 1928 unter ungewöhnlichen Begleiterscheinungen als Tochter reicher Gutsbesitzer geboren worden und aufgewachsen.
Nach einer glücklichen Kindheit geriet sie in den Sog des Untergangs, mit der als Folge des Zweiten Weltkriegs die Balkanstaaten in den Machtbereich kommunistisch beherrschter Staaten hineingezogen wurden.

In einem leicht mystifizierenden Ton beschreibt der Autor eine Jugend im Wohlstand und in ländlichem Frieden. Geburten und Todesfälle und ein ausgedehntes bäuerliches Leben bestimmen den Alltag. Zwar sind die Dorfbewohner fast Leibeigene und hegen die notwendige Hochachtung für ihre Herren. Doch eigentlich sind alle wie eine große Familie. Zaira wächst in der Obhut der Großmutter und des Cousins Zizi heran. Ihre Eltern sieht sie nur selten, denn der Vater ist Offizier, und die Mutter hält es auf dem Lande nie lange aus. Zizi ersetzt ihr die beiden, indem er sie mit nächtlichen Aufführungen in Form der Commedia d’ell Arte ablenkt. Seine Geschichten mit den Kindheitsmythen dienen ihrem Leben als Vorlage für ihr eigenes weiteres Vorgehen.

Die guten Zeiten weichen schon bald der Unruhe des Zweiten Weltkriegs. Zuerst kommen die Deutschen, damals mit den Rumänen verbündet, dann kommen die Russen, und es wird fürchterlich. Die Gutsbesitzer werden enteignet und zu Bettlern im eigenen Land. Mit den Eltern geht Zaira später nach Bukarest und noch später nach Timiçoara, wo sie als berühmte Puppenspielerin Karriere macht.
In besonderer Weise wird die Ära des kommunistischen Herrschers Ceausescu zum Leben erweckt. Szenen von unentwirrbarer Angst fallen zusammen mit einer hanebüchenen Liebesgeschichte, die Zaira als junges Mädchen erlebt.
Nachdem die Kommunisten alle Machtinstrumente an sich gerissen haben, beginnt für die ehemals Reichen eine ungewisse Zeit. Zaira geht eine zweite Ehe ein und flüchtet zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Amerika. Dort setzen sich ihre seltsamen Abenteuer in gewohnter Manier fort.

In dem Roman verbindet sich Ernst mit Schalk, Lebenseinsichten mit Groteske, und die Abenteuer eines ganzen Lebens in Krieg, Frieden und Untergang. Die Protagonisten besitzen außergewöhnliche und einmalige Konturen. Angefangen von der eigenwilligen Zaira über Zizi bis zur Großmutter oder über die launige Mutter bis zum dem langsam alternden Vater: sie alle haben unverwechselbare Charaktereigenschaften. Zairas erste Ehe mit Paul kommt genauso skurril daher wie ihre zweite und eigentlich einzige große Liebe in Gestalt von Traian, eines feinfühligen und fantasiebegabten Puppenspielers und Säufers, mit dem sie lange zusammen Theater spielt.
Mit Spannung folgt man dem Schicksal von Zaira, das in den Wirren der neuen Weltordnung fast unterzugehen droht.
Die lakonische Ausdrucksweise verstört so lange, bis man merkt, dass gerade mit diesem Stilmittel die herbe politische Landschaft, die Armut und der Hunger und die wechselnden Lebensverhältnisse in ihrer ausgeprägten Einmaligkeit gewürdigt werden.
Dabei kommt es zu komischen Auftritten, brulesken Handlungen und absurden Vorkommnissen, mit denen die Politik der ehemaligen rumänischen Führungsschicht karikiert wird.

Teils echt wie die raue Wirklichkeit, teils einer skurrilen Märchenhandlung aus dem Landleben gleichend bietet die Geschichte Unterhaltung auf höchstem Niveau. Zeigt sie doch auf ehrliche und komische Weise einen Abriss europäischer Kriegs und- Friedensgeschichte, wie sie in dieser Form nur schwer zu finden sein wird.

Der Autor ist nach eigenem Bekunden ein Geschichtendieb. So hat er auch diese Geschichte aus den Erzählungen einer heimwehkranken Touristin aus Amerika erdichtet, die er in seinem siebenbürgischen Geburtsort getroffen hat.

Catalin Dorian Florescu, Jahrgang 1967, ist ein deutsch schreibender Schweizer Schriftsteller rumänischer Abstammung. Er lebt heute in der Schweiz.

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