Mein Dämon ist ein Stubenhocker

von

Biographie

168 Seiten (gebunden)
Zabert Sandmann

Erscheinungsdatum: 01.03.2008

ISBN: 9783898831987

Rezension von

Verfasst am: 18.07.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Auf dem Titelbild schaut ein freundlicher junger Mann auf einen Stock gestützt den Betrachter an.
Ihn hat eine der tückischsten Krankheiten getroffen wie eine Sternschnuppe aus dem All!

MS, Multiple Sklerose, gehört zu den Krankheiten, die Menschen fast aller Altersgruppen über 20 Jahren befallen können. Wer sie hat, der geht einem dauerhaften, mehr oder weniger schnellen Siechtum entgegen. Die Krankheitsschübe sind unvorhersehbar und können schnell oder in sehr großen Abständen erfolgen.

Maximilian Dorner ist im Alter von 32 Jahren erkrankt. In seinem Tagebuch zeichnet er mit leichtem Anflug von Humor selbstironisch seine Erfahrungen mit der Krankheit auf. Scharf und treffend beobachtet er die Umwelt, die Reaktionen seiner Kollegen, der Freunde, Ärzte und Angehörigen. Seine Bemerkungen sind von Selbsterkenntnis und dem Bemühen um kritische Distanz zu sich und der Krankheit gekennzeichnet. Ob es die Beispiele von Wunderheilungen in der Bibel sind oder die guten Ratschläge der Freunde: er weiß, dass sein Schicksal unabänderlich ist und nicht mit aller Weisheit der Welt zu kurieren sein wird.
Leicht und humorvoll bezeichnet er die Krankheit als hässlich und dumm, heimtückisch und launisch und vergleicht sie mit netten Menschen, die auch nicht immer gut drauf sind. Mit kurzzeitig verwundertem Blicktem zurück beschreibt er die Freiheiten, die er vor kurzem noch hatte. Ohne sein Unglück auszusparen, bleiben seine Anmerkungen frei von Selbstmitleid oder gar Sentimentalität. Freimütig benennt er auch die schlimmsten Folgen der Behinderung, die Schamgrenzen berühren, von denen der normale Mittdreißiger sich keine Vorstellung macht. Seine Diktion zeigt in feinster Form, dass Krankheit in Worte gefasst zu Literatur werden kann. Sie öffnet die Augen dafür, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist, und die vielen guten Reden über Krankheit als Chance eine Farce sind.

Die Konfrontation mit der Krankheit wird verfremdet zu einem Werk, von dem man sich hautnah berührt fühlt. MS schränkt die Autonomie ein und wird im schlimmsten Fall zu absoluter Abhängigkeit führen. Das zu erkennen und zu benennen, ohne auf Schönrednerei reinzufallen, ist das große Verdienst dieses Buches.

Migliedermeinung

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