Halbschatten

von

Roman

272 Seiten (gebunden)
Kiepenheuer & Witsch

Erscheinungsdatum: 25.08.2008

ISBN: 9783462040432

Rezension von

Verfasst am: 22.08.2008

Bewertung:

  • 5/5 Sterne.

Bei einem Rundgang über der Invalidenfriedhof in Berlin erzählt der Friedhofswärter einem unbekannten Erzähler von einer großen Liebe: Marga von Eztdorf und Christian von Dahlem begegnen sich Anfang der dreißiger Jahre in Japan. Sie erleben eine zauberhafte Nacht, geheimnisvoll und erotisch. Beide übernachten mangels ausreichender Unterkünfte in der Stadt im selben Zimmer, der nur durch einen langen Vorhang getrennt ist. Im Schatten der Lampen können sie ihre Silhoutten ausmachen, und sie können ihren Stimmen lauschen.

M. v. Etzdorf hat als erste europäische Fliegerin den langen Flug nach Japan geschafft. Der Diplomat von Dahlem befindet sich in geheimer Mission im fernen Osten. Was könnte die beiden mit einander verbinden? Mut, Ausdauer, gutes Aussehen und exorbitante Aktivitäten üben eine magische Anziehung auf jeden aus, der den beiden begegnet. Der Schauspieler, Gaukler und Entertainer Miller kommt zwischen den Zeilen zu Wort. Er erscheint wie der Narr an der Tafel des Hofes, und er kannte die beiden gut.

In ungewohnter Weise fügen sich Assoziationen der verschiedensten Art in die Erzählung und halten sie mit einem weiten Spannungsbogen zusammen.

Während des Gangs über den Friedhof kommen nicht nur bekannte Größen des Nazireichs zu Wort. Da kann man die Geschichte der dreißiger Jahre in leisen Tönen erstehen sehen.
Die Militärgeschichte des dritten Reichs wird zwischen den Gräbern der NS Größen und der zivilen Opfer des letzten Krieges lebendig. Immer wieder kommen die Toten selber zu Wort. Auf diese Weise erhebt sich ein Chor von Stimmern, der unheimlich und gruselig nach und nach Einzelschicksale beleuchtet. Vielschichtig und gedankenverloren glaubt man sich in das Netz der Vergangenheit eingesponnen. Dabei geht es zurück bis zu den Befreiungskriegen zwischen Preußen und Napoleon, die mit dem Namen Scharnhorst verbunden sind, leitet über zum zweiten Weltkrieg, in dem der Jagdflieger Udet zu Glanz und Ehren kam und führt uns dann in den zweiten Weltkrieg mit der Judenverfolgung und dem Judenschlächter Heydrich an der Spitze.
Auch Dahlem und Etzdorf aber liegen hier auf dem Friedhof begraben, der im Angesicht der Geschichte von den Gezeiten zu erzählen weiß.
Mit gewohnt feiner Feder nimmt sich Uwe Timm auf besondere Weise der nahen und fernen deutschen Geschichte an, die ihn in vielen seiner Erzählungen beschäftigt hat. Er ist der feinsinnige Poet, dem man die Ernsthaftigkeit seiner Erinnerungen glaubt. Wie mit einem Mikroskop holt er die Geschichte heran, so dass man unweigerlich zum Nachdenken über die Zeiten des Unheils kommt. Dabei erheben sich die Stimmen nicht in einer bestimmten Zeitenfolge, sondern sie kommen aus dem Nichts und verschwinden wieder. Die Liebesgeschichte zwischen von Etzdorf und von Dahlem bietet den exotischen und amourösen Mittelpunkt, der den vergangenen Zeiten bei aller Grausamkeit ein menschlich anrührendes Gesicht verleiht.

Mit Hinweisen auf die verwendeten literarischen Quellen sieht man, dass Uwe Timm sich gründlich und detailgenau mit der geschichtlichen Materie befasst hat. Nur so konnte ein Werk gelingen, das wie in einigen seiner vorherigen Bücher die Vergangenheit zum Thema hat. Die nahe Geschichte lässt ihn nicht los. Schon in seinen Büchern „ Der Freund und der Fremde“ und „ Am Beispiel meines Bruders“ hat er sich der Geschichte zugewandt.
Er gehört zu den nachdenklichen, reflektierten und vielseitigsten Dichtern der deutschen Gegenwart, hoch geehrt und gefeiert von fast allen Literaturkritikern.

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