Blick auf ein fremdes Land!
In rasantem Tempo und mit spritzigen Wortkaskaden beginnt der Debütroman von Alina Bronski, in dem eine junge Russlanddeutsche von ihren Abenteuern als neue Deutsche erzählt. Die siebzehnjährige Alexandra, genannt Sascha, wohnt mit ihrem neunjährigen Stiefbruder Anton und der kleinen Schwester Alissa in einer verkommenen Stadtrandsiedlung in der Nähe von Frankfurt/ M. Hier geht es bei Gott nicht immer friedlich zu!
Eine entfernte Verwandte aus Russland versorgt die Kinder. Saschas erste Worte im Roman gelten dem verhassten Stiefvater Vadim, den sie umbringen will, und sie bekräftigt den festen Vorsatz, ein Buch über ihre Mutter zu schreiben. Wie es dazu kam, dass sie und ihre Geschwister verwaist sind, das wird hier erzählt.
Urkomisch, aufrecht, frech und schmissig ist Sascha mit ihrem Redestrom, in dem sie von ihren Beobachtungen an der bundesrepublikanischen Wirklichkeit und von den Menschen, die ihr begegnen, berichtet. Ohne klare Abfolge, spontan und unüberhörbar witzig erfährt man von den Ereignissen, die sie bewegen.
Sascha besucht ein hervorragendes Gymnasium, ist hoch begabt und besitzt die Fähigkeit, auch die ernsten und traurigen Dinge des Lebens durch ihre ironische und bissige Diktion in ein makaber- humoriges Erlebnis zu verwandeln. Dabei spürt man gelegentlich verdeckte Trauer, die jedoch hinter der burschikosen Lebenshaltung verborgen bleibt.
Aussiedler bilden eine Randgruppe in der Gesellschaft. Drüben, wie Sascha von ihrer russischen Heimat irgendwo in Sibirien spricht, war alles ganz anders. Ihre deutschen Freundinnen hier sind verwöhnt und leben im Wohlstand. Sie setzt sich kritisch über abfällige Blicke und Bemerkungen hinweg und lässt nichts auf ihre innere und äußere Unabhängigkeit kommen. Hinter einem nüchternen und spröden Auftreten versteckt sie ihr empfindsames Wesen. Sie ist mutig, trotzig, kratzbürstig und hat doch ein liebendes Herz für die Menschen, die ihr nahe stehen und eine stille Sehnsucht nach Liebe!
Die Bewohner der Stadtrandsiedlung sind ebenso präsent wie die Hauptprotagonisten, die der Geschichte ihr Gesicht verleihen. Von den Gerüchen bis zu den Sonderlingen, vom Geschrei und dem Lärm bis zur angeödeten Langeweile reichen die Schilderungen, die atmosphärisch hautnah von der bundesrepublikanischen Wirklichkeit aus den Augen einer Osteuropäerin berichten. Dass hier eine Familientragödie von grandioser Verrücktheit enthüllt wird, macht die Erzählung zu einem spannenden und amüsanten Lesevergnügen.
Die junge in Russland geborene und heute in Deutschland ansässige Alina Bronski hat mit ihrem Debütroman einen Coup gelandet. Ihr von kritischer Distanz gekennzeichneter Roman überzeugt mit überlegenen Einsichten und ist ein gekonntes Meisterwerk lebendiger Gesellschaftskritik.
