Spannender Kriminalroman der klassischen Art!
Zum Inhalt:
Im tiefsten Winter entgleist nahe des norwegischen Bergdorfes Finse ein Zug mit mehr als 250 Insassen. Da im Hochgebirge gerade ein Schneesturm wütet, muss ein Großteil der Fahrgäste im Hotel Finse1222 untergebracht werden. Unter ihnen befindet sich auch die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen, die seit einem Berufsunfall an den Rollstuhl gefesselt ist. Der Sturm wird immer heftiger und während die Eingeschlossenen auf Hilfe warten, wird ein bekanntes Mitglied der Gruppe ermordet aufgefunden. Zudem sorgen die mysteriösen Passagiere eines Sonderwaggons des Zuges für Unruhe unter den unfreiwilligen Hotelgästen. Als die Situation zu eskalieren droht, geschieht ein weiterer brutaler Mord und Hanne Wilhelmsen sieht sich gezwungen, ihre etwas eingerosteten Ermittler-Fähigkeiten ein weiteres Mal einzusetzen…
Meine Meinung:
“Der norwegische Gast” ist ohne Zweifel Kriminalliteratur vom Feinsten. Anne Holt beschreibt die für die Handlung wichtigen Personen und Orte außerordentlich detailliert und plastisch. Die Hauptfigur Hanne ist ein sehr komplexer Charakter mit vielen Widersprüchen und einem komplizierten Innenleben. Mit der Zeit erfährt der Leser einiges aus ihrem Privatleben und kann somit ihr Verhalten und ihre Gefühlswelt besser verstehen. Die Spannung kommt nie zu kurz und es finden viele überraschende Wendungen statt. Der ruhige Erzählfluss und die Art, wie dem Leser nach und nach die nötigen Puzzleteile für die Lösung der Morde vorgelegt werden, erinnern stark an die Werke von Agatha Christie. Wie in “Mord im Orientexpress” gibt es einen einzelgängerischen Ermittler, der durch Zufall in einen verzwickten Mordfall verwickelt wird und diesen allein durch aufmerksames Beobachten und scharfe Kombinationsgabe löst. Zudem konzentriert sich die Handlung ebenfalls nur auf einen Ort. Diese Anleihen sind allem Anschein nach beabsichtigt und stellen eine stimmungsvolle Hommage an die klassische Krimi-Kultur dar. Die Autorin zeigt außerdem sehr eindrucksvoll, wie unterschiedlich sich Menschen in Extremsituationen verhalten und was Gruppenzwang bewirken kann. Dadurch, dass Anne Holt ethischen und moralischen Fragen viel Raum lässt, gewinnt der Roman einiges an Tiefgang. Am Ende werden die meisten Fragen zufriedenstellend beantwortet und im Nachhinein ist die Aufklärung der Morde logisch gut nachvollziehbar. Auch der zweite Handlungsstrang um die Insassen des Sonderwaggons wird verständlich aufgelöst, wenn auch mit einem kleinen Fragezeichen am Schluss.
“Der norwegische Gast” ist ein geschickt konstruierter Krimi mit solidem Spannungsaufbau, der das soziale Bewusstsein des Lesers schärft. Wer anspruchsvolle und intelligente Unterhaltung mag oder mal eine Auszeit von blutrünstigen und actionreichen Krimis nehmen möchte, ist mit diesem Roman bestens beraten!
