Preis der Leipziger Buchmesse für Clemens J. Setz

Preis der Leipziger Buchmesse für Clemens J. Setz

Am 17. März, dem Buchmesse-Donnerstag, wurde zum siebenten Mal der Preis der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung verliehen.

Die Entscheidung der Jury: unerwartet, gewagt, aber durchaus gerechtfertigt: gewonnen haben Barbara Conrad für ihre Übersetzung aus dem Russischen des Tolstoi-Klassikers “Krieg und Frieden”, in der Kategorie Sachbuch/Essayistik Henning Ritter (rechts im Bild) für seine “Notizhefte” sowie in der Kategorie Belletristik Clemens J. Setz (links im Bild) für seinen Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“, zu dem es in der Begründung heißt: "Den Ausschlag gaben die Kühnheit der Konstruktion, die Eigenwilligkeit der Sprache und die Konsequenz des Konzepts, das zu gleichermaßen originellen wie unheimlichen Geschichten führte. Sie machen mit einem ernüchternden Menschenbild ernst, das wir wissenschaftlich längst akzeptiert haben, aber kulturell bislang erfolgreich überspielen. Das Erzählpersonal setzt sich aus Eltern zusammen, die mit ihren Kindern nichts anfangen können, aus Paaren, die ihre Verfallszeit längst überschritten haben, aus Einzelgängern, Außenseitern und rituellen Opfern, die sich das Selbstmitleid nicht mehr leisten, zum Selbstmord nicht in der Lage sind und am Nullpunkt des sinnvollen Lebens dahinvegetieren. Bei Setz hat die Einbildungskraft das Schlimmste immer schon vorweggenommen, seine Figuren immunisieren sich gegen den Schmerz und lagern ihr natürliches Empathie-Vermögen in animistische Dingbeschwörungen aus. In dieser moralfreien, von Illusionen desinfizierten Welt wird der Sadismus zum letzten Kanal des Transzendenzbegehrens.

In seiner bewusst artifiziellen, hochverspiegelten Prosa porträtiert sich der Autor als Exorzist einer aus den Fugen geratenen Phantasie, als moderner Schamane in Blaubarts letzter Kammer, der im fahlen Flimmern der Medialität die Schmutzarbeit des Zuendedenkens für uns erledigt. Sein Personal teilt sich in jene, die sich aus dem Dekorum der Humanität lustvoll herauswinden, um alle Hemmungen fallen zu lassen, und andere, die sich in die Einsamkeit des reinen Beobachters retten. Im Verbund mit diesen Ortlosen gelingen ihm die stärksten Effekte. In Erzählungen wie „Das Riesenrad“ und „Kleine braune Tiere“ skizziert er eine Menschheit im Wartezustand, ohne Leitbilder und Ideale, losgelöste Astronauten im Raumschiff Erde, auf der Abschussrampe, aber ohne Ziel. Der Preis würdigt ein düsteres, mit Überraschungen aufwartendes Prosalabor, in dem ein junger Autor sich traut, mit den Mitteln der Sprache Va-banque zu spielen."
Clemens J. Setz war sichtlich bewegt und überrascht: „Ich bin aufgeregt, ich zittere“.

Der Preis der Leipziger Buchmesse ist mit insgesamt 45.000 Euro dotiert und wird jährlich für herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen vergeben.


Bildquelle: © Leipziger Messe

Verfasst von Katja Krause am 19.03.2011.