Buchvorstellung in Berlin: „Der Übersetzer. Leben und Sterben in Darfur“ mit Autor Daoud Hari

Die Situation in Darfur ist ein Beweis dafür, dass allein das Wissen um den Völkermord nicht ausreicht um ihn zu stoppen. Erst Fotos und Fernsehbilder besitzen in unserer heutigen Gesellschaft die Macht einen weltweiten Aufschrei auszulösen und die nötigen Beweise zu liefern, die es offensichtlich braucht, bevor etwas unternommen wird. Doch genau dies weiß die sudanesische Regierung zu verhindern, indem sie die Journalisten aus dem Land fernzuhalten versucht. Und genau deshalb gibt es nun ein Buch von einem, der direkt betroffen ist, alles miterlebt hat und nun versucht ein weltweites Engagement gegen den Völkermord in Darfur zu unterstützen: Daoud Hari.
Am Mittwoch-Abend stellte er in einem Gespräch mit dem Afrika-Referenten der Gesellschaft für bedrohte Völker, Ulrich Delius, sein Buch „Der Übersetzer. Leben und Sterben in Darfur“ in Berlin vor – ein wunderbares Mittel um die Geschichten seiner Landsleute in die Welt hinaus zu transportieren in der unermüdlichen Hoffnung, mit Hilfe von vielen Menschen und Organisationen weltweit den nun schon 5 Jahre andauernden Völkermord in seinem Land endlich zu beenden.

Da kommt ein junger Schwarzafrikaner durch die Tür, in elegant-legerer Kleidung, der in seinem Auftreten recht bescheiden wirkt, aber äußerlich keinesfalls von all dem gezeichnet, was er erlebt hat. Umso unvorstellbarer und wahrlich erschreckend ist das, wovon dieser Mann, kaum älter als Mitte dreißig (sein genaues Geburtsdatum kennt er nicht, denn er besitzt wie viele seiner Landsleute keine Geburtsurkunde), dann berichtet und was in seinem Buch detailliert nachzulesen ist. Dort heißt es: „Ich bin der Übersetzer, der Journalisten nach Darfur gebracht hat. In diesem Buch möchte ich Sie mitnehmen, wenn Sie den Mut haben, mich zu begleiten“.

Daoud Hari gehört zum Stamm der Zaghawa und ist in einem kleinen Dorf in Nord-Darfur zusammen mit vier Brüdern und drei Schwestern aufgewachsen. Sein Bruder Ahmed starb später bei der Verteidigung des Dorfes gegen die Angriffe von arabischen Milizen, den Dschandschawid. Von seinen Geschwistern war Dari der einzige, der die Schule besuchen konnte. Dazu zog er in die größere Stadt al-Faschir. So erwarb er vor allem die Sprachkenntnisse in Arabisch und Englisch, die ihm bei seiner späteren Lebensaufgabe so hilfreich sein sollten. 1996 verließ er das Land um seine Ausbildung fortzusetzen und Arbeit zu finden, ging illegal nach Ägypten und Israel, wurde aufgegriffen und zurück nach Darfur geschickt. Dort musste er miterleben wie sein eigenes Dorf, wie so viele andere, ausgelöscht wurde. Nach seiner Flucht begleitete er zunächst als Übersetzer eine Ermittlung, die den Tatbestand des Völkermords untersuchen sollte. Später dann brachte er vom Tschad aus Journalisten über die Grenze in seine Region, die weltweit davon berichten sollten – ein nicht legales und sehr gefährliches Unterfangen.
Während Daris sechster Mission nach Darfur zusammen mit dem amerikanischen Journalisten Paul Salopek vom National Geographic, wurden beide samt Fahrer wegen des Verdachts der Spionage verhaftet und 5 Tage lang gefoltert. Hari selbst glaubte, dass dies sein Ende sei, doch sorgte er sich nicht so sehr um sich selbst als vielmehr um Paul und den Fahrer, für deren Sicherheit er sich verantwortlich fühlte.
Daoud Hari erzählt auch von den Geschichten, deren Bilder ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen: Die Mutter, die sich an einem Baum selbst erhängt hat, um nicht sehen zu müssen wie ihre eigenen Kinder sterben, denen sie weder Essen noch Wasser geben konnte. Oder die Mutter mit ihrem toten Baby im Arm, von dem sie sich einfach nicht trennen kann.

Was die politische Lage des Landes angeht, so gab es schon immer Konflikte um Land zwischen Arabern und Nicht-Arabern in der Region, die zu großen Teilen aus Farmen besteht und reich an Tieren ist.
Das Problem, das wir heute so unterschätzt als Darfur-Krise oder Konflikt bezeichnen, entwickelte sich erst, als es 2003 durch das Eingreifen der Regierung eine andere Richtung bekam.
Die sudanesische Regierung verspricht den arbeits- und hoffnungslosen Arabern, die keinerlei Zukunft zu haben scheinen, Land, wenn sie die Darfur-Region und ihre Schwarzafrikaner kontrollieren und vertreiben, damit vor allem arabische Landwirte das an Ressourcen reiche Land nutzen können. Über Jahrtausende hinweg sind Araber und einheimische Schwarzafrikaner im Sudan zurechtgekommen. Hari selbst, so berichtet er, hat als Kind oft mit den arabischen Kindern aus Nachbardörfern gespielt. Und von einem Moment auf den nächsten wird ein ehemals arabischer Freund zum Feind, der Dörfer zerstört.
Die Regierung streitet eine Mitschuld an den Verbrechen durch vorwiegend arabische Milizen und somit den Völkermord ab. Solange der UN keine starken Beweise vorliegen, greift sie auch nicht entscheidend in die Lage ein. Mit diesem Buch möchte Hari genau diesen Beweis liefern und jedem auf der Welt zeigen, dass es eben kein kleiner nationaler Konflikt ist, um den es dort geht, sondern Völkermord, der bereits 400.000 Menschen das Leben gekostet und 2,5 Millionen in Flüchtlingslager vertrieben hat.
Daoud Haris wiederholter Appell lautet: nach der Lektüre des Buches nicht in Schweigen verfallen, sondern Freunden, Familie, Bekannten davon erzählen, sie darauf aufmerksam machen. Denn ein einzelner wird nicht viel ausrichten können. Es braucht viele Freunde und viele Stimmen weltweit, um an der jetzigen Lage etwas verändern zu können.

Daoud Hari lebt heute in den USA als einer von wenigen Flüchtlingen, die dort aufgenommen wurden.

Im Anschluss an die Veranstaltung stand Daoud Hari noch für weitere Fragen und Gespräche zur Verfügung.

www.globefordarfur.org
www.savedarfur.org

Verfasst von Katja Krause am 09.05.08.

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