Frankfurter Buchmesse 2008: Elif Shafak

Autorenspecial I: Elif Shafak

Durch das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse waren viele türkische Autorinnen und Autoren vertreten, die sich, ihr Land und die türkische Literatur vorstellten. So auch die Schriftstellerin Elif Shafak, die zu den jungen Stars der türkischen Literaturszene gehört. Ihr Bestseller-Roman “Der Bastard von Istanbul” wurde von nationalistischen Gruppierungen auf das Schärfste kritisiert und es kam, wie schon gegen den Schriftsteller Orhan Pamuk und andere, zur Anklage durch den Anwalt Kerim Kerincsiz. Der Roman handelt vom türkischen Völkermord an den Armeniern. Die Türkei erkennt die Vertreibung und Auslöschung der Armenier 1915/1916 bis heute nicht an. Im September 2006 musste sich Shafak vor Gericht verantworten, wo man ihr unter Berufung auf Artikel 301 des türkischen Strafgesetzes die ”öffentliche Verunglimpfung der Republik und der Großen Türkischen Nationalversammlung“ vorwarf. Neu an in diesem Fall ist, dass sich die Anklage nicht auf Äußerungen der Autorin in Interviews oder Zeitungsartikeln stützte, sondern auf Äußerungen ihrer Romanfiguren. Am 21. September 2006 wurde Elif Shafak von einem Istanbuler Gericht freigesprochen. So entging die Schriftstellerin einer möglichen Haftstrafe von drei Jahren.
In Frankfurt sprach sie nun mit Moderatorin Dorothea Westphal vom Deutschlandradio Kultur über ihren neuen Roman „Der Bonbonpalast“, in dem sie das multikulturelle Istanbul beschwört. Ein ehemals prachtvolles Haus im Zentrum von Istanbul, gebaut von einem russischen Adeligen für seine Frau, ist der Schauplatz dieses Romans. Inzwischen ist der »Bonbonpalast« allerdings ziemlich verwittert — und Heimstatt nicht nur für eine, sondern gleich für zehn sehr unterschiedliche Familien. So werden die Schicksale und Erlebnisse eines zutiefst frommen Mannes, zweier ungleicher Zwillinge, die einen Friseursalon betreiben, eines namenlosen Ich-Erzählers, einer rätselhaften alten Frau, einer charmanten Schönheit und eines Marihuana rauchenden Studenten mit Hund erzählt — und damit die des Gebäudes und der Stadt.
Istanbul diente Elif Shafak beim Schreiben als Informationsquelle. Sie gab sich dem Rhythmus dieser Stadt hin, redete mit Menschen und hörte ihnen vor allem auch zu. Sie sammelte Dinge, die mit Müll zu tun haben, ein Thema ihres Romans, wie zum Beispiel Graffiti, und legte ein Album an, das Grundlage für dieses Buch werden sollte. Shafak erhofft sich durch ihren Roman und ihr Schreiben eine Wirkung auf die beiden Nationen, Deutschland und die Türkei, die sich bisher wenig kannten, indem durch die Literatur neue Kanäle für ein gegenseitiges Verständnis geschaffen werden.
Die Tochter einer Diplomatin wuchs in Europa und Jordanien auf, studierte in der Türkei, lehrte und lebte einige Jahre in den USA, und diese Biografie spiegelt sich in ihrem Werk. Shafak ist eine Pendlerin zwischen den Kulturen, eine kosmopolitische Erzählerin, die das jahrzehntelang verdrängte osmanische Erbe ihres Landes lustvoll wiederentdeckt.
Die Leseprobe, die Shafak zum Besten gab, und der interessante Lebensweg der Autorin, der in ihr Schreiben einfließt und dem Leser vieles mitzuteilen hat, machen auf jeden Fall Lust sich dieses Buch einmal zur Hand zu nehmen.

Verfasst von Katja Krause am 20.10.08.

Aktuelles Buch

Der Bonbonpalast

Der Bonbonpalast

von Elif Shafak

Bewertung von 1 Rezensenten:

  • 4.0000/5 Sterne.

Roman

Aus dem Türkischen von Eric Czotscher

480 Seiten (gebunden)
Eichborn

Erscheinungsdatum: 01.09.2008

ISBN: 9783821858067