Leipziger Buchmesse 2009

Nach vier spannenden Messetagen ging heute die Leipziger Buchmesse zu Ende – mit einer hervorragenden Bilanz. 147.000 Besucher (2008: 129.000) kamen auf das Messegelände – ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 14 Prozent. Auf 65.000 Quadratmetern verschafften sie sich einen Überblick zu den Neuerscheinungen von 2.135 Ausstellern aus 38 Ländern. Rund 2.900 Journalisten aus 23 Ländern (2008: 2.700 aus 21 Ländern) berichteten über den internationalen Branchentreff von Autoren, Verlagen, Fachbesuchern und dem lesefreudigen Publikum im Leipziger Frühjahr.

Höhepunkt des ersten Messetages (12. März) war die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse. Rund 1.500 Messebesucher begleiteten die Verleihung in der Glashalle des Messegeländes. Die Jury unter Vorsitz von Ulrich Greiner (DIE ZEIT) entschied sich unter den 16 nominierten Kandidaten für folgende Autoren:
Kategorie Übersetzung: Eike Schönfeld für die Übersetzung von: Saul Bellow “Humboldts Vermächtnis” (Kiepenheuer & Witsch).
Kategorie Sachbuch/Essayistik: Herfried Münkler für “Die Deutschen und ihre Mythen” (Rowohlt Berlin Verlag).
Kategorie Belletristik: Sibylle Lewitscharoff für “Apostoloff” (Suhrkamp Verlag).

Die 1.900 Veranstaltungen mit mehr als 1.500 Autoren innerhalb von “Leipzig liest” waren mit Zehntausenden Zuhörern wieder ein Literaturfestival der Superlative. Prominente Autoren, Schauspieler und Politiker wie Wilhelm Genazino, Günter Grass, Julia Franck, Wladimir Kaminer, Daniel Kehlmann, Alexa Hennig von Lange, Benjamin Lebert, Mirjam Pressler und Juli Zeh begeisterten das Publikum.
Zu den zahlreichen internationalen Autoren zählten beispielsweise: T. C. Boyle, Péter Esterházy, György Konrád, Geert Mak, David Lodge, John Griesemer, Petros Markaris und Jonathan Stroud.

Für einen Menschenandrang ohnegleichen sorgte Günter Grass, der sein Buch „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990“ vorstellte. Mit diesem Buch will Grass die Fehler ins Gedächtnis rufen, die seiner Meinung nach damals gemacht worden sind: die zu rasche Wiedervereinigung, der Währungsumtausch zu einem schlechten Zeitpunkt, die Treuhand, die unter keiner demokratischen Kontrolle stand sowie die Tatsache, dass alles, was in der DDR geschaffen wurde, vor allem auch in Bezug auf die Kunst, auf den Müllhaufen geworfen wurde. Dieses Buch ist nicht nur ein politischer Kommentar, sondern ein persönliches Tagebuch eines Schriftstellers, der damals noch kein Nobelpreisträger war (dieser wurde ihm 1999 verliehen). Der Leser nimmt teil an seinem Leben in diesem für die deutsche Geschichte so wichtigen und bewegten Jahr.

Thematisch etwas weniger ernst konnte der Besucher sich mit dem überaus charmanten und gewitzten T.C. Boyle amüsieren, der über seinen aktuellen Roman „Die Frauen“ sprach. Darin spiegelt sich einmal mehr seine Vorliebe für exzentrische Genies wider. Es geht um den weltberühmten amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright, dessen Leben Boyle aus der Perspektive eines fiktiven japanischen Assistenten, Tadashi Sato, und der vier Frauen, die sein Leben prägten, erzählt. Boyle, der selbst mit seiner Frau und seinen drei Kindern ein Wright-Haus in Santa Barbara bewohnt, kann schon fast als Ikone auf allen Ebenen bezeichnet werden. Ihn live auf der Buchmesse zu erleben, war ein grandioses Schauspiel und gehört sicher zu den ganz großen Highlights.

Auf dem Blauen Sofa nahm ebenfalls der Pulitzer Preisträger 2008 Platz: Junot Díaz. Er stellte sein Buch „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ vor, eine Einwanderergeschichte über eine Familie aus der Karibik. Díaz selbst wurde 1968 in der Dominikanischen Republik geboren und lebt seit 1974 in den USA. In seinem Buch beschreibt er das Leben der Emigranten mit ihren Träumen und Phantasien. Der Protagonist Oscar ist ein übergewichtiger Spinner, eine traurige Seele, ein Nerd, insgesamt sehr komplex, selbst für den Autor, der ihn erschaffen hat, ein Rätsel, das ihn anzieht und fasziniert. Für Díaz war es wichtig, die Konsequenzen von Gewalt aufzuzeigen, in einer Kultur, die auf sensationelle Bilder und Szenen fixiert ist, ohne die langen Nachwirkungen in Betracht zu ziehen. Gerade davon ist die Familie in seinem Buch zutiefst geprägt. Díaz ist ein Autor, der gerne mal Genres sprengt. So ergänzt er den Romantext mit Fußnoten, die die Geschichte der Dominikanischen Republik samt den karibischen Folterern aufzeigt. Man könne die Geschichte der USA nur verstehen, wenn man die Geschichte der Karibik kenne. Gleichzeitig weist er aber darauf hin, dass Literatur ein schlechtes Geschichtsbuch ist. In erster Linie geht es doch darum, das Menschliche darzustellen und den Leser dazu zu führen, sich selbst kennenzulernen.

Auf einer Pressekonferenz präsentierte Außenminister Frank-Walter Steinmeier in gelassener Chefmanier sein Buch „Mein Deutschland: Wofür ich stehe“. Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Grünen, war auch gekommen um ein paar einleitende Worte über das Buch zu sagen, die doch sehr einer Lobhudelei glichen. Er beschreibt das Buch als eine sympathische Aufstiegsgeschichte, die „glaubwürdig und warm“ von Steinmeiers Weg durch ehrliche Arbeit und einfaches Leben in die deutsche Sozialdemokratie erzählt. Özdemir sieht Steinmeier als den Koch am Herd, der den Mut hat, sich auch mal die Finger zu verbrennen, während Altkanzler Schröder der geeignete Kellner ist, der gern mit anderen schäkert. Zu Steinmeiers Kanzlerkandidatur sagt er: „Steinmeier ist auf der richtigen Spur“ und man könne das Buch als Grundlage für Verhandlungen mit den Grünen nehmen. Steinmeier gibt das Lob gern zurück, denn für seine Buchvorstellung habe er sich einen „kosmopolitisch ausgerichteten grünen Patrioten“ wie Özdemir gewünscht. Er betont, dass das Buch kein Heimatroman ist, sondern sehr politisch. Seine Reden dienten ihm als Nukleus, anhand derer er die Themen der Kapitel ausgeweitet hat. Auf die berechtigte Frage einer Journalistin, die auf den Titel anspielte, wofür er denn nun stehe, wusste Steinmeier nichts weiter zu antworten als den Rat zu geben, das Buch zu lesen, denn da stünde ja alles drin.

Erschöpft, aber glücklich bleibt uns bis zur nächsten Leipziger Buchmesse, die übrigens vom 18. bis 21. März 2010 stattfinden wird, nichts weiter als in schönen Erinnerungen an den diesjährigen Bücherfrühling zu schwelgen, zum Beispiel mit den zahlreichen Fotos, die man sich in der Bildergalerie anschauen kann.

Verfasst von Katja Krause am 14.03.09.