Frankfurter Buchmesse 2009

Heute geht die 61. Frankfurter Buchmesse zu Ende. Es wurde viel gelesen, trotz Krise geschäftlich viel verhandelt und vor allem viel diskutiert: über das diesjährige Gastland China, aber auch über die Digitalisierung und Onlinenutzung von Millionen urheberrechtlich geschützter Bücher durch den Suchmaschinen-Giganten Google.
Für Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V., sind dies auch die zentralen Themen dieser Buchmesse: Google und China. In beiden Fällen ginge es um die Freiheit des Wortes. Beide bezeichnet er als „unrealistische Zustände, die nicht sein dürfen“.

Stärker können die Kontraste, die man in Bezug auf das Gastland spürte, wohl nicht sein: auf der einen Seite die offizielle Delegation mit Schriftstellern wie Yu Hua, Li Er und Mo Yan, der beteuerte, er hätte mit der Zensur noch nie Probleme gehabt – und doch hielt sich das Gerücht von einem Interviewverbot auf der Messe, als Veranstaltungen und Lesungen nach den ersten zwei Messetagen einfach abgesagt wurden.
Dem gegenüber stand der Writers in Prison-Bericht, den der Vizepräsident und Writers-in-Prison-Beauftragte des P.E.N.-Zentrums Deutschland Dirk Sager vorlegte. Bei allem Respekt für das Land und die Kultur sei die Verhaftung, Verfolgung und Folterung von Schriftstellern und Journalisten nicht hinzunehmen. Der P.E.N. fordert deshalb die Freilassung des Präsidenten des unabhängigen chinesischen P.E.N. Zentrums Liu Xiaobo sowie aller Journalisten und Schriftsteller. Der Schriftsteller Liu Xiaobo wurde am 8. Dezember 2008 verhaftet, im Juni 2009 wurde offiziell gegen ihn Anklage erhoben: „Verbreitung von Gerüchten und Diffamierung der Regierung, zielend auf den Umsturz der Regierung und des sozialistischen Systems“. Sager: „Wie ein Sturm geht die Verfolgung über alle Kontinente“. Im ersten Halbjahr 2009 registrierte der P.E.N. in 98 Staaten 644 Fälle von Verhaftungen, Angriffen und Morden. 22 Schriftsteller, Journalisten und Herausgeber wurden ermordet, von 6 Opfern verlor sich jede Spur. Es ergingen 136 Urteile auf Gefängnisstrafen, 21 Betroffene verschwanden ohne Urteil hinter den Gefängnismauern.
Der Writers-in-Exile-Stipendiat aus China Zhou Qing, derzeit dank des deutschen P.E.N. Zentrums geschützt, sprach über die aktuelle Situation in China und vor allem über die gefährliche Internetüberwachung. Demnach sind allein 30.000 Zensoren für das Internet tätig. Internetroboter filtern zahlreiche Wörter, so dass eine ungefilterte Verbreitung von verifizierbaren Informationen so gut wie nicht zustande kommt. Zudem gibt es in China für 1,3 Milliarden Menschen 537 Verlage; von denen kein einziger privat und somit Sprachrohr der Partei, ein „Werkzeug, das kein eigenes Gehirn besitzen darf“. In China hat Zhou Qing ein Buch über Lebensmittelskandale geschrieben, woraufhin ihm eine Gefängnisstrafe von 3 Jahren angedroht wurde, da er Staatsgeheimnisse verriete. Eindrücklich beschreibt er die Angst, die jeder verspürt, sobald er sich ans Schreiben macht. Die Breite dieser Angst könne sich ein Mensch in Freiheit kaum vorstellen. Sein Buch hat er online gestellt. Er begrüße jede Raubkopie und stelle gern auch kostenlose Versionen zur Verfügung.
Besonders gefährdet sind Schriftsteller in Tibet und in der Provinz Xinjiang, wo die Bürger für mehr Autonomie ihrer tibetanischen und uighurischen Landsleute eintreten. Die Tibet-Initiative Deutschland e.V. stellte gemeinsam mit dem Lungta Verlag und Schauspieler Ralf Bauer, der sich für die Rechte der Tibeter einsetzt, das Buch „Ihr habt Gewehre, ich einen Stift“ der tibetischen, in Peking lebenden Schriftstellerin Tsering Woeser vor. Da diese allerdings wiederholt unter Hausarrest steht und nicht ausreisen darf, zeugten nur ein Namenschild vor dem leeren Platz am Konferenztisch sowie eine Videobotschaft von ihrer Präsenz. In ihrem Buch dokumentiert sie die Unruhen 2008 in Tibet, die sie zunächst in einem Blog veröffentlicht hatte, der mit mehr als 3 Millionen Usern für ihre Landsleute in Tibet, China und im Exil zu einer Nachrichtenquelle von unermesslichem Wert wurde.

Auch die Deutsch-Rumänin Herta Müller erlebte Verhöre, Hausdurchsuchungen und Bedrohungen, bevor sie 1987 ins Exil nach Deutschland kam. Wo die frisch gekürte Literaturnobelpreisträgerin auf der diesjährigen Buchmesse auftauchte, war der Andrang groß. Von Presse und Publikum gleichermaßen belagert, hielt die kleine, zierliche Schriftstellerin ihr straffes Programm gut durch, bis auch der letzte ein signiertes Exemplar von „Die Atemschaukel“ in den Händen halten konnte. Eindrucksvoll und zutiefst ehrlich sprach sie über ihr Leben, das Schreiben und Oskar Pastior, der als Vorlage für den Protagonisten ihres neuen Romans diente. Den Gastauftritt Chinas kommentierte sie als „Staatsausflug mit Schriftsteller-Zierde“. Aus eigener Erfahrung wisse sie, was es bedeutet, in einem Land seine Meinung zu sagen, wo man dafür womöglich mit Gefängnis oder gar seinem Leben bezahlt und verfolgt wird. Sie wisse nicht wie lange China sich das noch leisten könne, eine wirtschaftliche Blüte in der einen Hand zu erzeugen und Menschenverachtung in der anderen.

Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff präsentierte auf der Messe sein neu erschienenes Buch „Aus der schönen neuen Welt“, für das er wieder in vier verschiedene Rollen schlüpfte, um als Undercover-Reporter Missstände unseres sozialen Systems aufzudecken. Die bis zu Messebeginn geheim gehaltene vierte Rolle wurde auf seiner Pressekonferenz gelüftet: mit lang haltender Sprühfarbe in einen Schwarzen verwandelt, setzte er sich offenem Rassismus aus, ist aus Kneipen rausgeflogen und bei Wohnungssuchen gescheitert. Sein Fazit dieser unserer heutigen Gesellschaft: Huxleys Zukunftsvision ist in einigen Punkten bittere Realität geworden. Wir leben in einem Rechtsstaat, in dem es einen riesen Unterschied gibt zwischen Recht haben und Recht bekommen. Bestimmte Rechte gelten nicht mehr. Durch die Formen der Willkür und psychologischen Kriegsführung durch Mobbing werden gezielt Arbeiter- und Angestelltenrechte unterlaufen. Sein Buch soll wachrütteln und zur Verständigung beitragen.

Der Schauspieler Jan Josef Liefers sprach über sein Buch Soundtrack meiner Kindheit, in dem er Songtexte versammelt, die für ihn während seiner Jugend in der DDR wichtig waren und die man auch heute noch hören könne.

Der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach präsentierte sein Buch Verbrechen, wohl eines der begehrtesten Werke dieses Bücherherbstes, in dem er über so grausame wie gleichwohl schon psychologisch faszinierende Stories von Straftaten berichtet, wie beispielsweise die eines Ehemannes, der nach jahrzehntelanger Ehe seine Frau mit einer Axt im Keller erschlägt. Die Welt habe sich allerdings nicht verschlechtert, auch wenn dies den Anschein hat. Straftäter jeder Art gab es schon immer. Heutzutage wissen wir nur mehr davon durch die Presse und sehen es im Fernsehen. Was sich allerdings verändert hat, so von Schirach, sei die Gewaltbereitschaft junger Leute, die immer brutaler würden.

Dann waren auf der Buchmesse noch Frank Schätzing zu erleben, der seinen neuen Roman „Limit“ mitbrachte, eine musikalische „Blechtrommel“-Lesung mit Günter Grass und dem Free-Jazzer Baby “Günter” Sommer sowie die Auslieferung des neuen Dan Brown „Das verlorene Symbol“, bei der die Exemplare direkt vom Lieferwagen, der auf der Agora parkte, über eine Menschenkette von Lübbe-Verlagsmitarbeitern bis zu den Regalen am Verlagsstand transportiert wurden, die darauf warteten, befüllt zu werden.

Unzählige Autoren und Veranstaltungen machten die Buchmesse wieder zu dem was sie ist: die größte der Welt. Hier alle Highlights aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Eindrücke und viele Autorenfotos gibt es in der Bildergalerie.

Verfasst von Katja Krause am 18.10.09.