Frankfurter Buchmesse 2011

Heute geht die Frankfurter Buchmesse zu Ende. Es war eine unaufgeregte, eher besinnliche Messe, was vor allem dem Gastlandauftritt Islands zu verdanken war.

Lesen im isländischen Wohnzimmer

“Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt”
Mit diesem Zitat von Jorge Luis Borges, das der neue Paschen Literatursalon als Werbeclaim auf der Messe benutzte, hätte man auch den Auftritt des diesjährigen Gastlandes betiteln können. Denn wahrhaft paradiesisch, eben sagenhaft, war es im Island-Pavillon mit seiner Bibliotheken-Atmosphäre. Hier konnte man Island als „Zuhause“ erleben – als Land der Literatur wie der überwältigenden Natur. Die meisten isländischen Haushalte haben ihre eigene kleine Bibliothek. Davon zeugten mehrere hundert Fotos im Pavillon.
Auf großen Leinwänden sah man in Videoporträts Isländer aller Altersschichten in ihren Heimbibliotheken bei der Lektüre ihres Lieblingsbuches. Abwechselnd fingen sie an, für ein paar Minuten aus ihrem Buch, das sie gerade in der Hand halten, vorzulesen. Dann konnte man der wunderschönen isländischen Sprache lauschen.
In einer großen Box, dem begehbaren Island-Panorama, wurden in einer 360°-Filminstallation die grandiosen und beeindruckenden Landschaften und Naturphänomene Islands gezeigt, von denen sich die Besucher, auf dem Boden sitzend oder liegend, berauschen lassen konnten.

Island weist eine so hohe Literaturdichte auf wie kaum eine andere Nation. Jeder der etwa 318.000 Einwohner des kleinen Inselstaates kauft im Durchschnitt 8 Bücher pro Jahr. Isländer sind verrückt nach Literatur, nach guten Geschichten. 1500 Novitäten erscheinen jedes Jahr, die von 130 Verlagen herausgebracht werden. Das Lesen und Schreiben erwärmt die Menschen dieses Landes mit dem rauen Klima.
39 isländische Autoren kamen nach Frankfurt zur Buchmesse. Unter ihnen Hallgrímur Helgason, Einar Kárason, Jónína Leósdóttir, Sjón, Jón Kalman Stefánsson, Kristín Steinsdóttir. Einziger Literaturnobelpreisträger der Insel ist der 1998 verstorbene Halldòr Laxness.

Von allen Seiten war Begeisterung und Bewunderung für die Ehrengastpräsentation zu vernehmen: Endlich mal wieder ein Highlight unter den Gastlandauftritten. Die schönste Präsentation eines Gastlandes seit langem. In der Tat kann man dem nur zustimmen. Am liebsten hätte man sich ausschließlich in diesem abgedunkelten, so stillen, unaufgeregten und einfach nur schönen, gemütlichen Pavillon aufhalten können, in dem man einen Moment der Ruhe im hektischen Messetrubel finden und sich auf die Leidenschaft besinnen konnte, die den Besucher eigentlich zur Buchmesse treibt: die Lektüre eines guten, gedruckten Buches in heimischer Bibliotheken-Atmosphäre, das einen in traumhafte Landschaften und Geschichten entführt. Hier waren neue Trends und die Digitalisierung ganz weit weg. Überall saßen die Leute in gemütlichen Sesseln, auf alten Ledersofas, an kleinen, antiken Tischen, unter Kronleuchtern, umgeben von Bücherregalen und lasen, lasen, lasen. Auf einer kleinen Bühne spielte abends zur Happy Hour ein Trio Musik, es wurde gegessen, getrunken (der isländische Schnaps Brennivin wurde großzügig ausgegeben) und gelesen.

Man kann diesen Pavillon und die Messe nicht verlassen, ohne Lust aufs Lesen bekommen zu haben, ohne animiert worden zu sein, in Zukunft öfter zu einem Buch eines isländischen Autors oder einer isländischen Autorin zu greifen. Denn dieses Land scheint nicht nur eine beeindruckende Natur zu bieten, sondern vor allem großartige Literatur.

Vor allem der schwarze isländische Humor von Hallgrímur Helgason hat es uns angetan. Er stellte sein neues Buch „Eine Frau bei 1000° vor“, aus dem er eine kurze Passage auf Deutsch und in urkomischer Weise vorlas. In ihrer Garage surft die 80-jährige Herbjörg, zeitlebens eine Handgranate bei sich tragend, durchs Internet und begleicht letzte Rechnungen, während der Ofen für ihre Einäscherung heißläuft. Hier ein Auszug:
»Ich lebe hier allein in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Es ist wahnsinnig gemütlich.« »Ich möchte einen Termin für eine Einäscherung buchen.« »Einen Termin buchen?« »Genau.« »Aha. Ja … wie war noch mal der Name?« »Herbjörg María Björnsson.« »Hallo? Ich kann den Namen in der Liste nicht finden. Haben Sie den Antrag auf Einäscherung schon eingereicht?« »Nein, nein. Ich möchte einen Termin für mich buchen. Für mich selbst.« »Naja, wir bearbeiten ihn nicht, bevor … na, Sie wissen schon … also bevor, äh …, bevor die Leute tot sind, okay?« »Gut. Wenn es so weit ist, werde ich tot sein. Darauf können Sie sich verlassen. Also, wenn’s eng wird, komme ich einfach vorbei, und ihr schiebt mich lebend in den Ofen.«

Kristín Marja Baldursdóttir sprach über ihren neuen Roman „Sterneneis“, eine Reise in die Erinnerung und in das Land der Phantasie vor der Kulisse des landschaftlichen Panoramas Islands. In sowohl deutscher als auch isländischer Sprache las sie einen Auszug vor und kommentierte: „Ich liebe die deutsche Sprache. Sie klingt wie ein eingefrorener Wasserfall im Winter“.

Der isländische Krimi-Autor Arnaldur Indriðason hatte sein neues Werk „Abgründe“ mit zum Blauen Sofa gebracht.

Der S. Fischer Verlag präsentierte die Neuübersetzungen der Isländersagas in 4 Textbänden und einem Begleitband. Darin versammelt finden sich 64 Sagas und Erzählungen, entstanden im 13. und 14. Jahrhundert. Ihre anonymen Verfasser berichten über die Zeit der ersten Siedler (9.-11. Jahrhundert), die sogenannte Landnahmezeit. Die Figuren und Handlungen der Isländersagas sind kulturelles Allgemeingut der isländischen Gesellschaft. Da sich die isländische Sprache seit dem Mittelalter kaum verändert hat, sind die Sagas für heutige Isländer gut lesbar. Sie erzählen von Fehden zwischen Familien, von Rache, Kampf, Totschlag und Buße.

Zur jüngsten Finanzkrise des Gastlandes ist mehr zu lesen in Guðmundur Óskarssons Roman „Bankster“. Mit seinem isländischen Humor erzählt Óskarsson von der persönlichen Krise eines jungen Mannes, dessen Leben durch die weltweite ökonomische Krise aus den Fugen gerät.

Ufo gelandet

Da wurde der Buchmesse aber ein schönes Ei ins Nest gelegt: der riesige futuristische Open Space Pavillon des Automobilherstellers Audi löst Irritation beim Besucher aus, der sich doch eigentlich auf einer Buchmesse zu befinden glaubte. Auf der Agora, dort wo früher das Lesezelt stand, das nun in eine kleine Ecke auf der Freifläche verdrängt wurde, liegt dieses Ungetüm, das dem Buchliebhaber einige Schmerzen bereitet. Als nicht zu übersehenes Zeichen der mehrjährigen Kooperation der Frankfurter Buchmesse mit Audi soll es versinnbildlichen, dass das Buch sich in Zeiten der Digitalisierung neuen Ideen öffnet. Da versucht man, zwanghaft etwas zusammenzufügen, was nicht zusammen passt. Und man fragt sich, weshalb ausgerechnet die Antiquariatsmesse hier untergekommen ist. Und der Kontrast zur Ehrengastpräsentation, die sich doch endlich mal wieder auf das Wesentliche, nämlich das Lesen, konzentriert, scheint unüberwindbar groß. Man tut sich als literaturbegeisterter Messebesucher schwer, diese Verbindung harmonisch oder gar inspirierend zu finden.

Und was gab es sonst noch auf der diesjährigen Messe?
„Frauen verstehen in 60 Minuten“ von Angela Troni (Thiele Verlag) wurde zum kuriosesten Buchtitel 2011 gekürt. Die zwei weiblichen Galionsfiguren Alice Schwarzer und Charlotte Roche wurden unmittelbar hintereinander auf die ARD Fernsehbühne gejagt. Umberto Eco beeindruckte mit seinem unendlichen Wissen, das er sowohl im Kopf als auch in seiner eigenen Privatbibliothek abgespeichert hat, aus der allein er sämtliches Material für sein Schreiben entnimmt, ohne für Recherchen das Haus verlassen zu müssen. Fernsehkoch Steffen Henssler sorgte für Geschmackserlebnisse und verköstigte sein Publikum in der Showküche der Gourmet-Gallery. Buchpreisträger Eugen Ruge zog von Veranstaltung zu Veranstaltung. Der sympathische dänische Thriller-Kultautor Jussi Adler-Olsen präsentierte auf dem Blauen Sofa “Erlösung”, den dritten Fall für Carl Morck. Und einer darf natürlich auf keiner Buchmesse fehlen: Denis Scheck präsentierte wieder auf der ARD Fernsehbühne seine persönlichen Empfehlungen: Jan Brandts „Gegen die Welt“, Antje Ravic Strubels „Sturz der Tage in die Nacht“, Erri de Lucas „Das Gewicht des Schmetterlings“ und William H. Gass’ „Der Tunnel“. Sagenhaft blöd findet er hingegen Gaby Kösters Autobiographie sowie Charlotte Roches „Schoßgebete“.

Ausblick auf 2012

Wir verabschieden uns von dieser unglaublich wohltuenden Messe und freuen uns schon heute auf die nächste Buchmesse, vom 10.-14. Oktober 2012. Dann mit Ehrengast Neuseeland und dem Motto „Bevor es bei euch hell wird“. Das reiche Kultur- und Kunstprogramm wird sich auf den neuseeländischen Film, die bildende Kunst, Theater, Tanz und Literatur erstrecken. Einer der bekanntesten Neuseeländer ist wohl Filmregisseur und Produzent Peter Jackson („Herr der Ringe“). Unter Neuseelands beliebtesten Schriftstellern sind der Maori-Autor Witi Ihimaera (“Whale Rider”), der renommierte Romanautor und Literaturkritiker C. K. Stead, die Dichterin Kate Camp, die Kurzgeschichten-Erzählerin und Jugendbuch-Autorin Kate De Goldi und der preisgekrönte Belletrist Lloyd Jones („Mister Pip“). Die Besonderheit der neuseeländischen Literatur ist das Nebeneinander der indigenen Maori-Sprache und der englischsprachigen Literatur. In Deutschland sind bislang nur wenige neuseeländische Autoren verlegt, darunter Alan Duff, Patricia Grace, die Krimi-Autorin Ngaio Marsh und Anthony McCarten. Für den Gastlandauftritt im nächsten Jahr sind zahlreiche neue Übersetzungen geplant.

Fotos von der Messe gibt es in unserer Bildergalerie

Verfasst von Katja Krause am 16.10.11.